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Okt 23

Interview mit Stilcoach Uwe Fenner (1): “Benimmregeln erleichtern das Zusammenleben”

Stilcoach Uwe Fenner im Interview mit dem Gentleman-Blog

Stilcoach und Buchautor Uwe Fenner spricht im Interview mit dem Gentleman-Blog über die Manierenverfall der “Achtundsechziger”, den tieferen moralischen Sinn von Benimmregeln und erklärt, wer bei einem Date von Mann und Frau die Rechnung zahlen sollte.

Herr Fenner, die ersten Worte Ihres Buches „Erfolgreich mit Stil“ lauten „Benimm ist in“. Waren Benimmregeln denn jemals „out“?

Uwe Fenner: Oh ja, die Generation der „Achtundsechziger“ hat Benimm nicht nur abgelehnt, sondern geradezu als „spätbürgerlich und spießig“ verdammt. Nur wenige selbstbewusste und kultivierte Familien haben in den Zeiten zwischen 1970 und 1990 ihre Kinder überhaupt erzogen. Heute schlägt das Bewusstsein um – zum Glück: Denn zu einem guten Inhalt gehört immer auch eine gute Form, wie der Bilderrahmen zum Gemälde.

Geschmack und guter Stil war früher eine Art Luxusgut, das nur einer kleinen Gruppe vorbehalten war. Wann kamen Benimmregeln für weite Teile der Gesellschaft in Mode?

Uwe Fenner: Für den guten Geschmack mag das zutreffen. Das ordentliche höfliche Benehmen hingegen wurde auch in einfachsten Verhältnissen hoch gehalten. Schon immer hat die Elite ihre Gepflogenheiten an andere Teile der Gesellschaft weitergegeben. Es sind ja im Grunde nur Regeln. Mit der Weitergabe dieser Regeln haben wirklich erst die Achtundsechziger aufgehört.

Sind die Benimm- und Kniggeregeln zeitlos, oder verändern sich diese im Zeitverlauf zum Teil auch?

Uwe Fenner: Die zeitlose Generalklausel lautet: „Gutes Benehmen ist „alterozentriert“. Das heißt man genießt nicht allein seinen eigenen Vorteil, was einer „egozentriert“ entspricht, sondern sieht zu, dass dem anderen mein Verhalten gefällt. Der Franzose sagt: „Gutes Benehmen, das ist après vous – nach Ihnen“. Das sagt eigentlich alles. Da hat sich im Generellen nichts geändert. Nur ein paar früher artige Gepflogenheiten haben sich durch Veränderung der Lebensumstände geändert. Zum Beispiel macht man, seit sich das Telefon durchgesetzt hat, keinen unangemeldeten Höflichkeitsbesuch mehr, wie er früher üblich war.

Benimmregeln gelten aber nicht nur, um anderen zu Gefallen, oder Stil und Etikette ihrer selbst Willen zu wahren.

Uwe Fenner: Richtig. Der tiefe Sinn von Benimmregeln ist es, das alltägliche Zusammenleben zu erleichtern! Wenn ich den anderen Menschen durch meine Höflichkeit Freude mache, erleichtert das den Umgang miteinander. Wenn ich mich in die Wünsche anderer Menschen hineindenke, kommt es weniger zu Kollisionen und seltener zu Missverständnissen. Wenn ich den anderen durch Höflichkeitsgesten ehre, verbessere ich damit automatisch die Stimmung. Nur wenn derlei Gesten nicht verstanden und nicht erwidert werden, oder diese von meinen Mitmenschen vielleicht sogar zu ihrem eigenen Nutzen ausgenutzt werden, dann kann’s auch schon mal krachen.

Welche grundlegenden Verhaltensregeln sollte sich jedermann für sein Alltagsleben aneignen?

Uwe Fenner: Andere Menschen nicht durch unangenehme Geräusche, üble Gerüche, dumme Redensarten, peinliche Bewegungen oder einen visuell grässlichen Auftritt zu bepeinlichen. Und vor allem ehrlich sein. Das Ehrlichkeitsgebot findet nur da seine Grenzen, wo man den anderen mit Ehrlichkeit beleidigen würde. Man sagt zum Beispiel nicht ‘Sie sehen heute aber wieder fürchterlich aus’. Eine weitere Verhaltensregel lautet, dem anderen zuhören, ihn aussprechen lassen und ihn niemals unterbrechen. Des Weiteren gilt: Sich nicht vordrängeln, nicht mit vollem Mund sprechen und auch nicht beim Essen mit dem Besteck gestikulieren, den anderen Menschen durch freundliches Grüßen ehren, Aufstehen, wenn der andere steht oder sich zum Grüßen nähert. Eine weitere Grundregel lautet, keine Vorteile in Anspruch zu nehmen, die man sich erschlichen hat oder die einem nicht zustehen. Gutes Benehmen hat immer auch eine höchst moralische Dimension.

Viele Knigge-Regeln drehen sich rund um Tischmanieren beim Essen. Nennen Sie uns bitte die wichtigsten Grundregeln.

Uwe Fenner: Neben dem “nicht mit vollen Mund sprechen” und dem mit dem “nicht Besteck gestikulieren” gilt ferner: Mit dem Essensbeginn warten, bis alle anfangen können. Niemals mit dem Ellenbogen den Tisch berühren. Und die gegebenenfalls nicht benutzte Hand liegt genau bis zum Knöchel auf dem Tisch.

In welchen Ausnahmefällen ist es gestattet mit den Händen statt mit Besteck zu essen?

Uwe Fenner: Im Bierzelt oder wenn es Fingerschalen zum Waschen der Finger an jedem Platz gibt.

Woran sollte ein Mann beim Date im Restaurant mit einer Frau seine Entscheidung festmachen, ob er die Rechnung zahlt oder nicht?

Uwe Fenner: Wenn es sich um eine Frau handelt, die wie der Mann im Berufsleben steht und Geld verdient, sollten sich die beiden darum streiten, wer bezahlen darf. Der „Unterlegene“ in diesem Streit verspricht, das nächste Mal zu zahlen, und tut es auch! Nur wenn der Unterschied in puncto Finanzen sehr groß ist, darf sich der Geringerverdiener öfter einladen lassen – egal, ob Mann oder Frau.

Lesen Sie auch den zweiten Teil des Interviews mit Uwe Fenner über die Bedeutung von Benimm und Soft Skills im Berufsleben und das richtige Business-Outfit.



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