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Mai 29

Höflichkeit muss von Herzen kommen

Dass Fragen der Höflichkeit und des guten Benehmens in den vergangenen 30 Jahren so wenig beachtet wurden, oder häufig sogar auf Ablehnung und Spott stießen, hängt wohl mit dem Missbrauch der Höflichkeitsfloskeln zusammen, die man aus der sicher teilweise auch verlogenen Welt der „guten Gesellschaft“ von früher her kannte. In dieser Welt war es selbstverständlich, dass ein feiner Mann, der von einer Dame um einen Gefallen gebeten wurde, antwortete: „Mit dem allergrößten Vergnügen, gnädige Frau“, auch wenn er es innerlich ablehnte vor Zorn, weil er in dem Moment eigentlich etwas völlig anderes vorgehabt hatte, als jener alten Schrabnelle den Mantel zu holen. Diese Divergenz war es, die zu Recht als Unehrlichkeit entlarvt wurde.

Dies kann jedoch auch ein bequemes Argument sein, um sich vor Höflichkeit und ungeliebten Hilfsdiensten zu drücken. Dabei sollte ein (junger) Mann es als Ehrenpflicht ansehen, einer Dame in den Mantel zu helfen – als eine sich glücklicherweise bietende Gelegenheit, einer Dame seine Aufmerksamkeit, seine Wertschätzung und sein gutes Benehmen zu zeigen. Doch eine Dame, die ihren Begleiter dazu auffordert, ihr den Mantel zu holen, ist meist keine Dame, denn Höflichkeiten werden – zumindest unter Gleichrangigen – niemals eingefordert.

Gleichrangige fordern untereinander keine Höflichkeiten ein

Ein Chef kann seinen Lehrling jedoch durchaus darauf hinweisen, dass er ihm behilflich sein sollte. Mitarbeiter, die nicht auf die Idee kommen, einem mit zwei schweren Akten- oder Reisetaschen bepackten Chef eine der Taschen abzunehmen, sollte zu einem Benimmtraining geschickt werden. In solchen Fällen kann oder muss der Vorgesetzte einen Gefallen, eine Höflichkeit einfordern.

Ist hier Ehrlichkeit vorzuziehen, indem man sagt, man habe „keinen Bock“ darauf, Hilfestellung zu geben? Das muss jeder für sich entscheiden. Meiner Auffassung nach, sollte jeder versuchen, mit Freude höflich und gefällig zu sein. Es bereitet Freude, Stil und Etikette, Hilfsbereitschaft und Höflichkeit anderen gegenüber zu zeigen. Diese gelebte Höflichkeit kommt zurück und führt auf diese Weise zu mehr Lebensfreude. Dazu muss man sich allerdings ein wenig zurücknehmen und dazu durchringen, seien Mitmenschen wichtig und erst zu nehmen und ihnen wahrhaft gerne gefällig sein.

Nur ernstgemeinte Hilfe und ernstgemeinter Dank sind wahrhaftig

Hält einem jemand beispielsweise die Tür auf, doch diesem jemand entgleitet die Tür aus seiner Hand, so dass sie gegen die Schulter fällt, kann und sollte man sich bei demjenigen dennoch bedanken. „Das ist reizend von Ihnen“. Indem man den Dank mit einer herzlich dankenden Stimme äußert, sein gegenüber anlächelt, erkennt jeder sofort, dass es ein erst gemeinter Dank ist, Obwohl die Tür entglitten ist, wurde die gute Absicht bemerkt und honoriert.

Derselbe Satz könnte aber auch vorwurfsvoll-ironisch ausgesprochen werden, so dass seine Bedeutung in etwa die folgende ist: „Das ist ja reizend von Ihnen, die Tür vor meiner Nase loszulassen, damit sie mir entgegenfällt.“ Unterstrichen mit einem bösen Blick und einem Kopfnicken, dass die Ironie dieses Ausspruches unterstreicht. Mit ein und demselben Satz können also zwei gänzlich verschiedenen Aussagen getroffen werden. Der Ton macht die Musik. Es kommt oft nicht in erster Linie darauf was genau man sagt, sondern man es sagt und wie man es rüberbringt.

Dieses kleine Beispiel aus dem alltäglichen Leben zeigt, dass sich Höflichkeitsfragen und Benehmen nicht in mehr oder weniger artigen Bemerkungen erschöpfen. Sie müssen von Herzen können. Worte und Taten sollten ebenso übereinstimmen wie die gesprochene Worte und nonverbale Signale.

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Gastartikel von Uwe Fenner, Leiter des Instituts für Stil und Etikette. In seinen Beiträgen schreibt der Stilcoach und Buchautor über Knigge und Benimm in allen Lebenslagen.



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