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Jul 10

Business-Etikette – Was ist das und woher kommt sie?

Die Bezeichnung Business-Etikette hat sich durchgesetzt als Zusammenfassung aller Etikette-Regeln, die der Mensch – in der Regel derjenige, der in einem Büro seinen Arbeitsplatz hat – während seines beruflichen Einsatzes zu beachten hat. Ich finde den Ausdruck „Business-Etikette“ nicht gut. Denn es gibt keine „Gebrauchsetikette für das gesellschaftliche oder Zivilleben“ und demgegenüber Regeln für das menschliche Miteinander im Business. Richtig ist, dass man im Verhältnis zum Kunden und Geschäftspartner nicht wissen muss, wie man formvollendet einen Heiratsantrag stellen muss, aber muss man das überhaupt wissen? Die große Mehrzahl von Regeln über den Umgang von Menschen untereinander gelten doch im Business ebenso wie im Privatleben. Und so war es immer.

Herrschaftshäuser Ursprungsorte der Benimmregeln

Benimmregeln kommen letztlich von den Höfen der Herrscherhäuser, vor allem vom spanischen Hof und vom absolutistischen Versaille. Das war aber Business in Reinkultur. Business von morgens bis abends. Das, was wir heute als „Privatleben“ bezeichnen, gab es damals überhaupt nicht. Der Hofbeamte, der mit seinen Hunderten von meist adeligen Kollegen in dem riesigen Schloss zusammen wohnte und arbeitete, hatte überhaupt kein Privatleben, wie wir das heute kennen.

Nach dem Motto, wenn ich nach Feierabend mit meinem Auto aus der Firmentiefgarage herausfahre, dann beginnt für mich die Freizeit. Gerade das sehr enge Zusammenleben auf diesem Schloss zwang zu einem klaren Verhaltenscodex, zu „Benimmregeln“. Diese galten natürlich von morgens bis nachts und umfassten sämtliche denkbaren Lebenssituationen, um das enge Zusammenleben erträglich zu machen. Eigentlich müsste man aus dieser Entstehungsgeschichte der guten Manieren heraus die gesamte Palette von Etiketteregeln deshalb als Business-Etikette bezeichnen.

Etiketteregeln gleich Business-Etikette

Die höfische Etikette hat sich im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte kaskadenartig heruntergebrochen und ist – freilich vielfach verwässert bzw. einfach auf die Lebensbedingungen der jeweiligen Gesellschaftsstrukturen angepasst – von fast allen Teilen und Kreisen der Bevölkerung in unterschiedlichen Ausprägungen übernommen worden. Die Regeln haben über all diese Zeiten den gesamten Lebensbereich der Menschen eingenommen, sofern sie die sich mit diesen Vorschriften identifizieren wollten oder mussten.

Das „Privatleben“ ist erst in den Zeiten entstanden, als man selbst in begüterten Familien keine ständigen Hilfskräfte, Diener, Stubenmädchen, Hausknechte, Chauffeure, Hausdamen und Dienstmädchen mehr um sich hatte und als man sich als Besuch bei anderen telefonisch anmelden konnte, so dass man nicht mehr immerzu und überall, auch zu Hause, fast „öffentlich“ war. Zwar war es dem Besuchten auch schon früher gestattet, einem zur üblichen Besuchszeit, etwa sonntags um 12 Uhr, erscheinenden Gast durch den Diener oder das Dienstmädchen ausrichten zu lassen, man möchte heute nicht empfangen (und dann galt der Besuch nach der Etikette als abgestattet). Aber in der Regel hielten sich Familien doch immer bereit, Gäste zu empfangen, und sie waren eben auch gegenüber den Bediensteten immer die „Herrschaften“, die nach Regeln, die die Bediensteten kannten und ebenfalls zu beachten hatten, lebten.

Benimmregeln als Führungsinstrument

Die Benimmregel war mithin auch eine Art Führungsinstrument für den heimischen Personalapparat. Die Dame des Hauses erklärte dem Diener und den jeweils zuständigen weiteren Angestellten, was bei welcher Gelegenheit dem Gast in welcher Form anzubieten ist. Zum Zehn-Minuten-Höflichkeitsbesuch genügte das Anbieten einer Zigarette, die natürlich von der Gnädigen Frau selber angeboten wurde. War der Besuch weniger offiziell, gab es eine Tasse Tee. Die Tagesgarderobe war zu Hause der Hausrock, zum Sport ging der Gentleman in Knickerbockers und abends natürlich Abendgarderobe. Das wusste der gut ausgebildete Kammerdiener und legte die entsprechenden Kleidungsstücke zurecht. Allein die hierarchische Haushaltsstruktur hielt die Regeln von Stil und Etikette lebendig.

Auch beim Militär alter Prägung schloss die soldatische Ausbildung die Verhaltensregeln, den Benimmkodex mit ein. Strengstens war geregelt, wer wen wann zu grüßen und wie dieser Gruß erwidert zu werden hat. Wann wer mit dem Essen beginnt und wann er das Besteck auf den Teller zu legen hat. Nirgendwo waren Etiketteregeln so bis ins Kleinste festgelegt, wie beim Militär.

Ähnlich ist das heute im Business. Zuhause gibt es kaum noch solche Strukturen, vielleicht noch in wenigen Adels- und Industriellenhäusern oder an der Cote d’Azure. Aber im Business gibt es dafür Hierarchien, die denen, wie sie am Hofe Ludwigs des XIV. organisiert waren, ähneln.

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Der Autor

Gastartikel von Uwe Fenner, Leiter des Instituts für Stil und Etikette. In seinen Beiträgen schreibt der Stilcoach und Buchautor über Knigge und Benimm in allen Lebenslagen.



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