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Sep 15

Vom Rauchen im Allgemeinen und im Besonderen…

…zur Cigarre kommen und bei Ihr zu bleiben ist eine der schönsten Erfahrungen, die ein Gentleman mit seinen Lastern machen kann, eine Liebe die als unsichere Romanze beginnt und als wahre Leidenschaft den Rest des Lebend begleitet, mehr als eine Sucht, eine große Liebe.

Vor meiner Leidenschaft für edle Cigarren kamen 15 Jahre gepflegte Nikotinsucht.

Ich habe zeitweise in den Neunzigern gut 30 Cigarretten am Tag geraucht, ob selbstgedreht aus dem verschlissenen Beutel oder luxuriös aus dem silbernen Etui, mit und ohne Filter, eine Cigarette davor und eine danach, auf 5000 Meter über Normal Null und beim Autofahren selbstmörderisch, mit dem Knie gesteuert. Die Ruhe für die Cigarre kam deutlich später, trotzdem habe ich auch früher schon immer mit Genuss auch zur großen Schwester gegriffen. Eine große Hilfe war damals der smarte Tabakwarenhändler in der kleinen Universitätsstadt, der so geschickt bei seinen Empfehlungen vorging, dass nicht mal ich selbst mitbekam wie bedauernswert pleite ich doch oft war, und trotzdem kam ich immer mit den benötigten vier cubanischen Cigarren aus dem Laden die für das abendliche Pokerspiel nötig waren, nebenbei erwähnt, der Grund für meine damalige regelmäßige finanzielle Misere. Mal waren es Partagas Mille Fleurs, mal Quinteros ein Highlight schon damals Ramon Allones Specially Selected, Herr Götz hatte immer ein gutes Händchen und hat es, so hört, man noch immer.

Die Freiheit rief

Zu viele Cigarren zu viert und zu viele Cigaretten danach, die Vorliebe für die damals noch rauchgeschwängerte Gastronomie und die Einsicht dass regelmäßiger Genuss von “Gitanes Mais” ohne die tägliche Lektüre der „Le Monde“ nicht automatisch das Bestehen des Politologiestudiums garantieren, beendeten mein Studentendasein. Gewollt. Natürlich. Die Freiheit rief. Unterwegs mit zweiundzwanzigtausend Bruttoregistertonnen Kreuzfahrtschiff revanchierten wir – im Herzen Seeleute in Wahrheit Kellner – uns bei den Amerikanern, die unserem Traumschiff die Einfahrt ins cubanische Hoheitsgebiet untersagt hatten, auf unsere eigene Weise. Denn verbotene Früchte schmecken regelmäßig am Besten und was wäre ein größerer tabakophiler Hochgenuss als eine cubanische Puro im Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu schmauchen. Da wir nicht nach Cuba fahren durften, kauften wir die gelb-schwarz beringten Schmuckstücke eben aus den Kofferräumen der schwarzen Hotellimousinen, die am Hafen von Miami auf die schwankenden Ströme der Kreuzfahrer warteten. Viel Beratung gab es nicht, dafür umso mehr Cohiba Esplendidos – trotz allem eine der besten Cigarren, die ich je geraucht habe – zumindest in meiner Erinnerung.

Geschmack von Abenteuer am Gaumen

Einige „My way or Gangway“´s – bevorzugter Rüffel eines nichtrauchenden und wahrscheinlich deshalb von Humor befreitem ersten Offiziers – später, drehte ich der Seefahrt den Rücken und mein letzter bezahlter Flug ging nach Venezuela. Ein Flughafen mit genialen Schuhputzern, einer fantastischen Kantine und einer Sonnenterasse empfing mich und die nächsten Monate sollte ich regelmäßig immer wieder nach Caracas kommen, zufällig aber nicht unwillig. Die Terrasse auf der ich vielen Flugzeugen, besser gesagt den darin sitzenden Menschen, nach- oder entgegensah, wurde ein Fixpunkt in einer aufregenden Zeit. Allen die nur in Hängematten, Ledersesseln und Hollywoodschaukeln rauchen, sei gesagt, dass auch eine Betonbank sehr gemütlich sein kann. Dort genoss ich die letzte Esplendidos aus Miami, später viele Cedros De Luxe und Montecristo No. 4 und einige Cigarren, die ich später leider nie wieder gesehen habe, alles was die Tiendas am Flughafen hergaben. Und wenn auch Kerosingeschwängerte Luft, kaltes Bier und Cigarren sensorisch gesehen kaum harmonieren, hatte ich immer einen sehr angenehmen Geschmack von Abenteuer am Gaumen, flankiert von dem Duft der wahren Welt und den Gerüchen echter Menschen.

Es folgten Cigarren in Bayern und Berlin, mit Bier und mit Champagner. Es wurden Davidoff´s auf die Erfolge am Neuen Markt angezündet und danach feine unbekannte Eigenmarken. Wir rauchten in den feinen Bars der Hauptstadt , in den damals noch dunklen Kaschemmen am Prenzlauer Berg und in den Biergärten an der Donau. Und dann endlich auch auf Cuba. Dort habe ich grandioses Scheitern lernen dürfen, trotz und wegen vieler gut gemeinter Ratschlägen und einer unvergesslichen Nacht in der Coladosen, eine Badewanne und viele Cigarren eine Rolle spielten. Der Anstand gebietet mir Details zu schlucken, final habe ich die Weltmeisterschaft der Cigarrenempfehler selbst vergeigt, mit Verve und zu Recht. Wir haben uns wieder in die Badewanne im Hotel Nacional verschanzt, uns die schönste Upmann No.2 geteilt und Abschied genommen.

Keine Cigarre war umsonst

Danach und nach wie vor habe ich mit echten Freunden und falschen Genießern rauchen dürfen. Und umgekehrt – aber keine Cigarre war umsonst. Nur die, die nicht geschmeckt haben, wurden zu Seite gelegt und so viele Cigarren wie ich vergessen habe, so viele habe ich mir auch merken können, hauptsächlich die, die mir jemand empfohlen hat, der es erst mit mir gemeint hat. Die beste Cigarre ist und bleibt die, die man in der richtigen Gesellschaft und Laune raucht – dann schmeckt sie auch. Schaden kann es nicht, wenn sie schön, groß, teuer und perfekt gelagert ist, im teuersten Laden der Stadt von einer hinreißenden Lady in einer Phantasieuniform serviert und von einem delikaten alten Cognac begleitet wird. Ist aber nicht immer nötig.

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Zigarre rauchen – Anleitung für Anfänger
Kubanische Zigarren – Mythos und Geschichte

Über den Autor

Matthias Martens, geboren 1972 im München, ist der bekannteste deutschsprachige Cigarrensommelier. Neben den Verkostungen, die er für die Cigarrenmagazine „Cigar Clan“ (Deutschland) und “CIGAR” (Schweiz) schreibt, war das Buch „Cigarre & Co“ mit Dieter Wirtz seine wichtigste Veröffentlichung. Er kümmert sich um die Veranstaltungen des “Cigarrenmagazins Unter den Linden” in Berlin, an dem er beteiligt ist. Ab sofort schreibt er auch für den “Gentleman-Blog”. Anregende Gedanken um den blauen Dunst, Neuigkeiten auf dem Cigarrenmarkt, Kombinationen mit Getränken und besondere Situationen mit interessanten Menschen auf eine Cigarrenlänge sind Inhalt seiner Artikel. Nicht nur für Raucher sondern für alle Geniesser(innen) geeignet!



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4 Responses to “Vom Rauchen im Allgemeinen und im Besonderen…”

  1. Smokie sagt:

    Der Artikel reduziert mein schlechtes Rauch-Gewissen :-)

  2. Franziska sagt:

    Schön, ein überwältigender Bericht, den ich gerne gelesen habe. Ja, mache Ereignisse habe ich auch mit Zigaretten und Zigarren, bzw. Zigarillos verbunden, es waren Merkzettel, die mit dem Genuß, von Zigaretten und anderes, verbunden sind. Mit der Zeit genieße ich den Stil, eine Zigarette oder Zigarre zu rauchen und dies mit Genuß. Immer noch sind es Merkzettel, die ein erlebnis verbinden.

  3. Torsten sagt:

    Sehr schöner Bericht. Partagas Mille Fleurs sind in der Tat eine hervorragende Wahl, wenngleich ich persönlich die Shorts vorziehe. Idealerweise kombiniert mit einem schönen Scotch.

    Getreu dem Motto:
    “Trage immer eine kleine Flasche Whisky bei dir, für den Fall eines Schlangenbisses. Und trage immer eine kleine Schlange bei dir.”
    W. C. Fields

  4. Mario sagt:

    Schöner Artikel. Da kommen Erinnerungen hoch :)

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