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Okt 19

Tweedsakko – Die Mutter aller Brit-Looks

Die Mutter aller Brit-Looks ist das Tweedsakko. Mit ihm lassen sich Kombis für diverse Gelegenheiten zaubern, allerdings muss es sich um ein authentisches Modell handeln. Der Steckbrief enthält folgende Kurzbeschreibung: Drei Knöpfe, zwei Seitenschlitze und – ganz wichtig – Hornknöpfe. Der Stoff muss aus England, Schottland oder Irland stammen und sich rau wie eine Teppichfliese anfühlen. Nicht „wanted“ sind Lederknöpfe (es sei denn, es handelt sich schöne antike Exemplare) und die bei Nicht-Kennern irrtümlich als äußerst englisch geltenden Lederflecken an den Ellenbogen. Sollte der Stoff tatsächlich fadenscheinig werden, bitte echtes Leder von Hand zuschneiden und aufnähen, die vorgefertigten Flecken zum Aufbügeln aus der Kurzwarenabteilung wären ein Mega-Fauxpas.

Exportschlager aus unwirtlichen Regionen Schottland

Woher der Tweed seinen Namen hat, ist umstritten. Fest steht, dass der robuste Streichgarnstoff aus unwirtlichen Regionen Schottlands stammt, wo sich die Schafe mit einem besonders widerstandsfähigen Wollkleid gegen das ungemütliche Wetter schützen müssen. Ursprünglich wurden die Wollfasern gleich vor Ort von Hand gesponnen und mit Naturfarben gefärbt, dann in Heimarbeit gewebt und an die lokale Bevölkerung verkauft. Im 19. Jahrhundert setzte dann aber eine große Schottland-Begeisterung ein und der Tweed wurde zum Exportschlager. Neben Schottland liefert auch Irland authentische Tweeds, z. B. den berühmten Donegal. Viel berühmter ist der Harris, doch es gibt noch viel mehr Sorten, z. B. Shetland, Homespun oder Keeper’s Tweed.

Tweed bringt etwas auf die Waage

Die Bezeichnungen der einzelnen Qualitäten leiten sich entweder von der Schafrasse ab, der wir die Wolle zu verdanken haben, z. B. beim Cheviot, von der Provenienz des Stoffs, von Webmustern wie Fischgrat und im Fall der „district checks“ von den Ländereien, auf denen das Design erstmals getragen wurde. Auch Kenner haben größte Schwierigkeiten, die gut 100 in den Stoffmusterbüchern der Webereien dokumentierten Dessins auseinander zu halten. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass Namen wie „Ardtalnaig“, „Ballindallogh“ oder „Kylnadrochit“ für Nicht-Schotten kaum aussprechbar sind. Das Stoffgewicht der Zungenbrecher liegt häufig bei 560 g oder mehr pro laufendem Meter, die etwas weichere Lambswoolware ist mit 380 g da schon fast ein Sommerstöffchen. Zum Vergleich: Der Super-100-Zwirn eines normalen Ganzjahresanzug fürs Büro bringt gerade mal 230 g auf die Waage.

Vollkommener Brit-Look im kompletten Tweed-Anzug

Die höheren Weihen in Sachen Brit-Look erhält man durch die Anschaffung eines kompletten Anzugs aus Tweed, am besten mit Weste. Wer befürchtet, damit wie der Freund von Miss Marple auszusehen, hat das Konzept nicht verstanden, denn Brit-Look-Fans wollen genau das. Vor zwei Details des Streichgarn-Dreiteilers sei allerdings gewarnt. Erstens: Bei wärmeempfindlichen Zeitgenossen löst er bei Temperaturen von über 16 Grad Celsius Hitzewallungen aus. Zweitens: Die Tweedhosen können zarte Haut empfindlich reizen. Für Abhilfe kann eine Rundumfütterung des Beinkleides sorgen, was es jedoch noch wärmer macht. Echte Brit-Look-Jünger schert das übrigens nicht, sie tragen ihre Tweedanzüge bis ins Frühjahr hinein, vielleicht ist die daraus resultierende Erhöhung der Körpertemperatur Ursache ihrer typisch rosigen Wangenfärbung.

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Der Autor

Gastbeitrag von Stil-Papst Bernhard Roetzel, Autor des Buches “Der Gentleman. Handbuch der klassischen Herrenmode”. Für den Gentleman-Blog schreibt er exklusive Kolumnen über Kleidung, Stil und Persönlichkeit eines Gentleman.



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3 Responses to “Tweedsakko – Die Mutter aller Brit-Looks”

  1. Lakei Tobias sagt:

    Hallo zusammen,

    ich suche derzeit eine classische Tweed-Weste, jedoch finde ich nirgendws das Original/Classische Modell.
    Hättet ihr evtl. eine Idee wo ich noch schauen könnte?

    vielen Dank und grüße

    T. Lakei

  2. […] zurückgeschreckt, aber irgendwann sehe ich die Zeit schon kommen, wenn ich bei einem klassischen Tweed Sakko dann nicht mehr werde nein sagen können und wollen. Auch wenn dieses Kleidungsstück vielleicht […]

  3. MarkusA sagt:

    Nachdem ich mich an den “Plastiksäcken” aus Goretex und Softshell “satt-getragen” habe, erwarb ich ein Sakko aus Shetland-Tweed – und ich muss sagen: ich war begeistert und trage das Sakko so oft wie möglich. Dadurch informierte ich mich auf diversen Seiten über Tweed – allein die Geschichte des Tweeds, die Vielfalt der Farben und Muster, der Werdeprozess sowie die Tradition der englischen Tuchweber sind eine Hommage an diesen herrlichen, robusten und vielfarbigen Stoff.
    Der in Deutschland vorgegebene Dresscode (anthrazitfarbener Anzug, helles Hemd und Krawatte) wirkt gegenüber den Möglichkeiten und Kombinationen mit Tweed blass.

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