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Nov 08

Der wilde Wein eines Narrischen – Eine wahre Geschichte…

„ Bringen´s ma an Weeeeeeiin oba nix dazua song, bitte nix song…“

…da war er wieder, wilde rollende Augen und diese Stimme, eine Mischung aus Hans Moser und David Surkamp. Er fläzt sich an den Personaltisch des gut eingeführten Sternelokals und fordert: „Eeeeeiiiin Weeeeeeiin“. Das Ritual, seit einiger Zeit fast jeden Mittag, läuft jedes Mal ähnlich ab: Der gut gekleidete Gast wünscht Wein, blind im Glas serviert, korrespondierend mit seinem ausgiebigen Mittagessen, einen nach dem anderen, je mehr desto besser, mindestens ein Glas pro Gang. An Gängen werden mindestens vier serviert, sie werden im Gegensatz zu den Gläsern nur halb geleert und abserviert – FDH de luxe. Mein wahnsinniger Gast fordert weiter „Weeeeeeiin“. Und er verkostet und genießt sichtlich und spekuliert und rätselt sich in Rage: „Weeeeeeiissburgunder, Schmäälz und Mineraalik“ „Baden?“ „Neeiin doch?“ „Unfassbar!“ Oder „Hammertannine“ „Fett“ „Wos is des?“

Der absonderliche Weinfreund Manfred Klimek

Während ich, mit eigentlich nur 10 Weinen im offenen Ausschank durchaus gut bestückt jedoch für diese täglichen Heimsuchungen ganz klar zu schwach ausgerüstet, versuche das lustige Weinquiz interessant zu halten, erzählt mir der absonderliche Weinfreund aus Österreich von seiner Tätigkeit als Regisseur, Journalist und Fotograf. Im selben Tempo natürlich wie er trinkt, isst und rät. Nebenbei halte ich die Küchenbrigade ab ihn zu lynchen, wegen der nur halb aufgegessenen Leckereien. Außerdem freut sich ab und zu ein anderer Gast im Restaurant über meinen Besuch an seinem Tisch. Um die schier unstillbare Nachfrage nach sensorischen Herausforderungen zu stillen, werden Probeflaschen geköpft und Winzer- und Großhändlerbesuche auf den Mittag gelegt. Das Spiel wird zur Challenge. Bald ist Manfred Klimek, so heißt der im Ansatz Wahnsinnige, nicht mehr der nervige Exot, eher wird er Mittagsmaskottchen und gern gesehener Diskutant bei Verkostungen. Leiser wird er deshalb leider nicht, dafür ein Freund, dessen sensorisches Talent, sarkastischer Humor und „Wiener Schmäh“ so manchen Mittagstisch veredelt haben.

So geschehen Anfang der 2000er Jahre im Sternerestaurant VAU am Berliner Gendarmenmarkt. Wir konnten Manfred Klimek als Gast nicht besiegen und machten ihn zu unserem Weinfreund, eine der besten Entscheidungen. Eines Tages, als einige verschiedene Cremants sich unter unseren strengen Geschmacksnerven beweisen mussten, kam die große Neuigkeit. „Ich hob mir an Weeeeeeiinberg kaaaft, in da Toskaaanaaa“. Und er beginnt zu schwärmen, von den weichen Hügeln und den warmen Nächten, dem trockenen Boden und den prallen Beeren. Und er beginnt zu schimpfen über die italienischen Banken und die Bürokratie, über die überteuerten Supertuscans und die depperten Importeure. „Mia moch´n an Superwein, für an Zwanzga!“ Es wurde wieder einmal ein langer Mittagstisch.

„Dann werde ich Dein Weinimporteur“

Damals waren meine Tage im Restaurant VAU gezählt, der Traum vom Weinhandel wollte umgesetzt werden. Ein Weinlager für Weinfreaks und Sammler war in Planung, ein Mietweinkeller für Unternehmen, Gastronomen ein Großprojekt, dessen Finanzierung länger dauern sollte als gedacht. Im Kopf und im Herzen war es damals fertig. „Wenn Du in der Toskana Rotwein machst, werde ich Dein Importeur.“ Das sagte sich leicht nach ein paar Gläsern Cremant aus der sicheren Deckung des noch festangestellten Restaurantleiters. Und doch kam es, wie es kommen sollte.

Zwei Jahre später: „Giiiibt´s hier an Weeeeeeiin?“ Manfred Klimek stürmte laut unseren Weinladen am Gendarmenmarkt. Der unverkennbare wilde Blick, eine schnelle Begrüßung und eine Flasche ohne Etikett. „Dös is a!“ Meine Partnerin warf mir einen fragenden Blick zu, ich erinnerte mein Importversprechen.

Der 2005er Kappa Rosso – später sollte sich der Name in Kappa Toskana ändern – war ein wilder Bursche, schon als Fassprobe animalisch und voller stalliger und waldiger Aromen, eine dichte Frucht und Tannine, die noch weit von jeder Samtigkeit entfernt waren und… er war verdammt lecker. Mit Cabernet Sauvignon, Syrah, Merlot und Cabernet Franc sowie Petit Verdot hat Klimek sich für internationale Reben entschieden, die Cuvée variiert von Jahr zu Jahr, das Gesamtbild ist stimmig und überzeugend. Die Weine von Kappa Toskana sind trinkreif wenn sie ausgeliefert werden und doch lagerfähig. Der erste Jahrgang 2005 ist heute reif und delikat und auf der Höhe seiner Jahre, die anderen Jahrgänge sogar noch stabiler.

Der Wein des Wahnsinnigen findet reißenden Absatz

Heute importieren wir den Wein des wahnsinnigen Journalistenwinzers im fünften Jahr erfolgreich, wir beliefern die Topgastronomie und unsere Stammkunden können es jedes Jahr kaum erwarten, bis der nächste Jahrgang im Regal steht, denn um die Weihnachtszeit ist regelmäßig alles weg. Es werden Großflasche, Magnums und Doppelmagnums gefüllt und wir freuen uns auf den fünften Jahrgang. Der Wein ist ein bisschen seriöser geworden, zugänglicher mit den Jahren, immer noch sehr schmackhaft und hält weiterhin das ein, was sein weinverliebter Produzent damals versprochen hat. Einen Supertuscan für 20 Euro.

Manfred Klimek spricht immer noch doppelt so schnell wie andere Menschen. Aus Gastfreundschaft wurde Freundschaft und aus Freundschaft eine nachhaltige Geschäftsbeziehung. Manfred Klimek produziert weiter seinen Kappa Toskana, fotografiert, schreibt und hat seit 2009 in kürzester Zeit den erfolgreichsten deutschen Weinblog etabliert. Als Capt´n Cork schafft er es, Wein ein neues Image zu geben. Kompromisslos und ehrlich. Und unglaublich laut. Weitermachen…

„Gibt´s no an Weeeeeeiiin????“

Gastbeitrag von Matthias Martens. Im Gentleman-Blog schreibt der Weinliebhaber und Inhaber des Berliner Weinladens Planet Wein regelmäßig über die vielfältige und geschmackvolle Welt der Weine.



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One Response to “Der wilde Wein eines Narrischen – Eine wahre Geschichte…”

  1. Daniel Mayer sagt:

    Endlich mal die ganze Wahrheit…… Vermutlich ist es einfacher, gute Weine zu erzeugen, wenn man etwas neben der “normalen” Spur ist.

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