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Apr 02

Warum Unpünktlichkeit nichts mit der Zeit zu tun hat

Wer öfter an Meetings teilnimmt, kann feststellen, dass es pünktliche und unpünktliche Teilnehmer gibt. Die meisten sitzen zum vereinbarten Zeitpunkt da und die Besprechung könnte beginnen.

Aber halt, da fehlen ja noch ein paar Teilnehmer. Und jetzt wird es interessant. Unter denen, die noch nicht da sind, gibt es meist zwei oder drei, von denen Sie wissen, dass die gleich kommen. Und richtig, zwei oder drei Minuten nach dem vereinbarten Sitzungsbeginn stürmen sie herein.

Immer eine Entschuldigung parat

Natürlich immer mit einer guten Entschuldigung. Zu viel Stress. Enge Termine. Dringender Anruf aus Shanghai. Komisch ist nur: Die anderen Teilnehmer, die zur rechten Zeit da sind, haben ja in der Regel auch viel zu tun. Meist gibt es bei einer größeren Meetingrunde auch immer einen, der nicht kommt ein paar Minuten zu spät, sondern mindestens zwanzig Minuten. Meist hat er eine höhere Position und natürlich demnach auch eine höherwertige Erklärung für sein Zuspätkommen. Überraschende Konferenzschaltung mit Australien und China oder was ähnliches.

Aber es geht noch weiter. Bei jeder Besprechung gibt es auch zwei oder drei Teilnehmer, die sind immer schon zu früh da. Und zwar mindestens fünfzehn bis zwanzig Minuten vor dem Termin. Haben natürlich ihre Unterlagen und die Tagesordnungspunkte aufmerksam gelesen, sind also bestens vorbereitet.

Immer die selben

Das Interessante ist jetzt: Es sind immer dieselben! Diejenigen, die immer ein paar Minuten später kommen, verspäten sich nie um zwanzig Minuten. Und jene, die immer früher dasitzen, sind auch immer die ersten und niemals zu spät. Das ist doch seltsam, oder?

Nun, das Ganze hat nichts mit der Zeit zu tun. Denn wenn es dabei um mangelnde Orientierung über die Zeit ginge, müsste sich das ja mischen. Wer mal etwas zu spät kommt, könnte sich auch mal deutlich verspäten, müsste aber auch mal früher auftauchen und manchmal könnte er aber auch zur rechten Zeit da sein. Das passiert aber höchst selten.

Mit anderen Worten: Die Menschen sind pünktlich unpünktlich. Irgendein geheimer Mechanismus verhindert es, dass die Unpünktlichen rechtzeitig ihr Büro verlassen – so wie es fast alle anderen tun. Wie kommt das? Zumal solche Leute, wenn es um ihr Flugzeug in den Urlaub geht, auch nicht zwei Minuten zu spät aufs Rollfeld stürmen. Da schaffen sie es.

Alles Ausreden!

Zeitprobleme haben nämlich nichts mit der Zeit zu tun. Sondern jenes Verhalten, das wir unpünktlich nennen, erfüllt, wenn es öfters und berechenbar auftritt, für den jeweiligen Menschen eine wichtige Funktion. Das passiert unbewusst, warum der Unpünktliche sich auch dagegen wehren würde, dass sein Zuspätkommen etwas mit ihm zu haben könnte. Es sind immer die Umstände, andere Personen, die ihn aufgehalten haben, das Telefon, das just in dem Moment klingelte …

Alles Ausreden. Aus meiner Erfahrung mit vielen Zuspätkommern, mit denen ich in meinen Seminaren und Coachings untersucht habe, wie sie es schaffen, pünktlich unpünktlich zu sein, gibt es drei Gründe dabei.

Die Gründe für (Un-)Pünktlichkeit

Wer regelmäßig zwei oder drei Minuten zu spät kommt, liegt der Grund in der Autonomie. Durch eine Terminvereinbarung fühlt er sich unbewusst fremdbestimmt, auch wenn er selbst den Termin vereinbarte. Wäre es dann an der Zeit, das Büro zu verlassen und den Meetingraum aufzusuchen, meldet sich der innere Konflikt. Da wird noch schnell das Outlook geöffnet, eine Mail gelesen oder ein dringender Anruf gemacht – bis es eine Minute nach zehn Uhr ist. Jetzt erst macht derjenige sich auf den Weg. Das ist für ihn – oder sie – der beste Kompromiss zwischen dem festgesetzten Termin, der als Zwang erlebt wird und dem Autonomiebedürfnis „Ich komme, wann ich will.“

Wer regelmäßig fünfzehn oder zwanzig Minuten zu spät kommt, bei denen hängt es meist mit dem Thema Aufmerksamkeit oder Status zusammen. Solche Menschen denken, sie würden „untergehen“, wenn sie rechtzeitig vor Sitzungsbeginn zwischen all den anderen sitzen würden. Niemand würde sie bemerken. Wer dagegen zwanzig Minuten zu spät auftaucht, kann sicher sein, dass ihn alle wahrnehmen. Selbst wenn er sich ganz leise zur Tür reindrückt. Aber meist kommen diese Menschen nicht abgehetzt sondern ganz ruhig rein und haben eine gut klingende Erklärung parat. Jedes Mal. Und wissen, dass sich niemand traut ihnen den Vorwurf zu machen, dass sie vielleicht schlecht organisiert sind, wenn sie regelmäßig zu spät kommen.

Und was ist mit denen, die immer schon eine Viertelstunde vorher da sitzen? Die haben große Angst, zu spät kommen. Für die wäre das unverzeihlich. Natürlich wissen die, dass es reichen würde, auch fünf Minuten vorher da zu sein. Aber sicher ist sicher. Oder anders ausgedrückt, die Angst ist so groß, einen Vorwurf wegen Zuspätkommens zu ernten, dass sie ganz, ganz sicher gehen wollen.

Der verborgene Sinn unserer Verhaltensweisen

So haben viele Verhaltensweisen, mit denen wir eigentlich unzufrieden sind, einen verborgenen Sinn. Das Verhalten erfüllt eine Funktion für uns, die uns in der Regel unbewusst ist. Deswegen „passiert“ es uns auch – immer wieder. Erst wenn wir uns diesen verborgenen Nutzen bewusst machen, können wir über eine Alternative nachdenken.

Übrigens: Wie pünktlich kommen Sie eigentlich zu Verabredungen?

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Der Autor

Gastbeitrag von Roland Kopp-Wichmann. Seit über dreißig Jahren arbeitet er als Führungskräftetrainer und Coach in Heidelberg. Er ist Buchautor und verantwortlich für den viel gelesenen Persönlichkeits-Blog. Social Media ist sein Steckenpferd, deswegen findet man ihn nicht nur im Gentleman-Blog, sondern auch auf Youtube, Facebook und Twitter mit vielen Beiträgen.



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4 Responses to “Warum Unpünktlichkeit nichts mit der Zeit zu tun hat”

  1. Die Personen, die vom Messie-Syndrom betroffen sind, sind unpünktlich, weil sie sich unbewußt gezwungen fühlen. Der innere Konflikt läuft unbewußt ab und da wird auch nochmal schnell vor dem Termin etwas anderes Wichtiges erledigt, so dass man dadurch zum “gezwungen” Termin zu spät kommt. Grund dafür ist u.a. zuviel erlebter Zwang in den ersten Lebensjahren.

  2. Achmed Ö. sagt:

    Sehr guter Artikel. Vielen Dank!

  3. Angelika Knoll sagt:

    Der Artikel hat mir sehr gut gefallen, was ist mit den Personen , die den Termin vorgeben und trotzdem immer wieder zu spät kommen oder eine Ausrede finden ?? Diese Personen sind sehr anstrengend, wie sollte man sich verhalten ohne zu verletzen ?

  4. S. Müller sagt:

    @ Frau Knoll:

    Da ich zu meiner Schande gestehen muss, selbst einer dieser Kandidaten zu sein, spreche ich aus erster Hand.
    Sprechen Sie betreffende Personen zwar höflich, aber direkt an, sollte dies wiederholt der Fall sein. Es mag für diejenige/denjenigen zwar im ersten Moment etwas unangenehm sein, doch in der heutigen Gesellschaft kann man ein gewisses Maß an Kritikfähigkeit erwarten.
    Seit mich meine Kollegen auf meine notorische Unpünktlichkeit angesprochen hatten, versuche ich stets die vereinbarten Termine genau einzuhalten. Fortschritte sind seitdem zwar klein, aber zumindest aus meiner Sicht erkennbar.
    Daher sehe ich dies inzwischen eher als eine Möglichkeit an, meinen Umgang mit anderen Menschen zu verbessern.

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