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Mai 27

Der fürchterliche Fotowahn – warum man nicht immer & überall knipsen muss

Bei einem gemütlichen Besuch im Zoo wurde unserem Autor Nicolas von Lettow-Vorbeck klar, wie sehr uns Digitalkameras und Fotohandys mittlerweile in ihren Klauen halten. Ein leidenschaftlicher Plädoyer für weniger “Cheese” und mehr Moment.

Der digitale Wahn

Es ist ein wunderschöner sonniger Sonntag im Zoologischen Garten Berlin. Fröhliche Familien nebst Grosseltern walzen fröhlich durch den artenreichsten Zoo der Welt und scheinbar nichts scheint diese Idylle zu stören. Doch plötzlich durchschneiden fürchterliche Piepslaute die Luft, immer und immer wieder. Der stolze Familienvater möchte seine digitale Kompetenz demonstrieren und fängt den Pandabären ganz lässig mit seinem iPhone ein. Seine Begleiterin macht es ihm nach und hält diesen bedeutsamen Augenblick mit ihrer pinken Mini-Cam für die Nachwelt fest. Doch Moment, hat auch das Kleinkind neben ihnen bereits eine Kamera in den Händchen? Tatsächlich starrt der kleine Junge begeistert auf den bunten Bildschirm seiner kastenförmigen Kinderkamera mit extra grossen Tasten. Alle drei scheinen seelig.

Foto statt Moment

Bei all den bunten Bildern lässt die fröhliche Kernfamilie allerdings den real existierenden Panda völlig ausser Acht. Sind die Bilder geschossen, zieht die Gruppe geschäftig weiter, da man ja ein Tier verpassen könnte. Der Fotoapparat scheint zu einer digitalen Prothese, einem Substitut für Augen und Hirn, geworden zu sein. Statt sich dem Moment hinzugeben, versucht der moderne Mensch diesen zu speichern und damit scheinbar festzuhalten. Dieses vordergründige Überlisten der Zeit schlägt jedoch im doppelten Sinne fehl: Der Moment ist durch die Tätigkeit der Fotografierens nicht bewusst erlebt worden und die dadurch erstellten Bilder geben den Moment nicht befriedigend wieder.

Blasse Bilder

Was vom schönen Zoobesuch übrig bleibt, sind ein paar seltsam fremde Bilder, von Elefanten oder Löwen. Im Internet finden sich auf einen Klick tausende bessere Fotografie von diesen Tieren, zumal auch heutige Handys, Smartphones oder Mini Cams nicht wirklich brillante Bilder produzieren können. Glücklicherweise bleibt den meisten Wochenendfotografen diese Enttäuschung erspart, da niemand ernsthaft zu seinem Freunden oder der Familie sagen wird: “Wollen wir uns jetzt alle in Ruhe die Bilder anschauen, die ich im Zoo aufgenommen habe?”. Die Zeiten ruhiger und ausdauernder Bildbetrachtung sind seit dem Ende der Diaprojektion definitiv gezählt, da kaum ein Ereignis oder eine Reise von wirklichem Interesse für Andere ist.

Ja zum fotografieren, nein zum Fotowahn

Soll hier das Fotografieren, als Festhalten von schönen Erinnerungen, diskreditiert werden? Nein, ganz im Gegenteil. Das ernsthafte Fotografieren mit einer hochwertigen Spiegelreflexkamera ist ein wunderbares und befriedigendes Hobby. Erwachsende Männer die, statt mit ihrem Gegenüber zu sprechen und ihm in die Augen zu sehen, begeistert mit ihrem Smartphone spielen und Bilder machen, die sie sich vermutlich eh nie wieder anschauen werden, sind dagegen ein bedauernswerter Anblick. Ein Gentleman sollte in dieser Hinsicht endlich erwachsen werden und die “Game Boy”-Phase hinter sich lassen.

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11 Responses to “Der fürchterliche Fotowahn – warum man nicht immer & überall knipsen muss”

  1. Sylvia sagt:

    Vielen Dank! Dieser Artikel spricht mir aus dem Herzen.

  2. Nico sagt:

    Hihi, ich war vor einer Woche auch im Tierpark und mir schossen die gleichen Gedanken durch den Kopf. Schöner Artikel!

    Beste Grüße

  3. Philipp sagt:

    Toller Artikel, werde ich auf jeden Fall auf meinem Blog verlinken..

    und ihr habt vollkommen Recht….mittlerweile ist das Fotografieren zu einer Art “Have-to” geworden, man knipst und knipst doch anschauen tut man die Bilder eh nicht mehr, sie sind auch nichts besonderes, also warum sollte man es tun?

  4. Marc sagt:

    Diese art des Sehens erlebe ich immer wieder in Museen, wo fotographiert werden darf. Einelne Kunstwerke werden schon fast im vorbeigehen mitfotographiert. Ein ernsthaftes auseinandersetzen mit den Objekten findet nicht mehr statt.
    Danke für den Artikel!

  5. Nils sagt:

    Toller Artikel und zu 100% die Wahrheit.
    Es ist schon unglaublich, wenn man mal darüber nachdenkt, wie viel digitalen Schrott wir in heutiger Zeit (Fotos, Tweets, Facebookeinträge,…) produzieren.

  6. Mario sagt:

    Wunderbarer Artikel, der es genau auf den Punkt bringt! Vielen Dank!

  7. Pierre sagt:

    Da fällt mir doch das gute alte Polaroid Bild ein, wo man noch 3 Minuten schütteln musste, bevor das Bild zu sehen war.

  8. Lars sagt:

    Das Polaroid sollte man eben NICHT schütteln, da dadurch die Enwicklungsemulsion ungleich verreit wird. Einfach warten.

  9. Toller Beitrag, der auch in vielen Punkten wirklich zutrifft.
    Allerdings distanziere ich mich von den Äußerungen, das heutige Handys, Smartphones oder Mini Cams nicht wirklich brillante Bilder produzieren können.

    Allerdings stimme ich dem Beitrag zu, dass man die Momente auskosten und nicht für sinnloses geknipse verplempern soll.

    MFG

  10. Wolfgang Willems sagt:

    Als ich vor Jahren am Grand Canyon war machte ich kein Bild, da ich als Fotojournalist so viele Bilder zu machen hatte, dss ich ium Urlaub nur “Erinnerungen” aufnahm.

  11. Michael sagt:

    Artikelthese stimme ich voll zu, lustig ist aber der letzte Satz “Ein Gentleman sollte in dieser Hinsicht endlich erwachsen werden und die “Game Boy”-Phase hinter sich lassen” vor dem Hintergrund, dass der Autor inzwischen laut XING für Yps mit Gimmick schreibt.

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