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Okt 10

Bedrohte Tucharten

Klar, die großen Namen der Stoffwelt kennt Mann: Popeline, Twill, Cord und wie sie alle heißen. Dem internet-affinen Gentleman ist — berechtigtem Lob in nahezu allen Onlinepublikationen sei Dank — mittlerweile auch Fresko ein Begriff. Doch was ist mit den übrigen Geweben aus der zweiten Reihe? Mit denen, die nur selten in den Regalen der Herrenausstatter zu finden sind? Die kennt man nicht, über die spricht man nicht. Schade eigentlich, denn so gibt man sie dem Vergessen preis und opfert damit Vielfalt und Abwechslung im Kleiderschrank. Hier eine kleine Liste bedrohter Tucharten, die eindeutig mehr Aufmerksamkeit verdienen.

Fast verschwundene Cord-Spielarten

Cord kennen wir eigentlich alle, und sei es nur vom eigenen Groß- und Urgroßvater, dessen ausgebeulte, leicht speckige und weite Hosen, garniert mit reichlich Bundfalten und Klappentaschen, sicherlich den wenigsten als Vorbild für die eigene Garderobe dienen. Doch abgesehen davon, dass nicht jeder Cord gleich Opa-Cord sein muss, gibt es auch einige Cordstoffe, die den meisten gar nicht mehr als hervorragende Alltagstuche geläufig sind. Einer dieser Stoffe ist der Whipcord. Dieses Gewebe, das man auch Peitschenschnurcord nennt, ist im Gegensatz zu seinem namensgebenden Pendant diagonalbindig. Anders als andere Twills ist die Rippenstruktur des Whipcords besonders deutlich zu erkennen — und auch zu spüren: Peitschenschnurcord greift sich angenehm trocken und rau an. Aufgrund seiner hohen Belastbarkeit eignet er sich in Gewichten zwischen 11 und 15 Unzen besonders für Reisekleidung und häufig zu tragende Hosen.

Noch etwas häufiger anzutreffen ist der Babycord. Leider wird er in saisonaler Hinsicht meist vollkommen falsch eingeordnet, denn: Babycord ist ein Sommerstoff. Die für Cord sonst so typischen Rippen sind in dieser Spielart deutlich feiner und dichter zusammengerückt. In den besten Produkten der Webereien ist die Herkunft des Stoffes für den Laien kaum mehr zu erkennen. Seine Struktur ist flauschig genug, um Feuchtigkeit effektiv vom Körper weg zu transportieren. Gleichzeitig schirmt die dichte Webart Hitze ab. Für die derzeit üblichen Temperaturen um die 20 Grad ist für mich deshalb Babycord das, was Leinen im Hochsommer ist: unverzichtbar.

Im Winter wärmendes Flanell

Das nächste Gewebe ist derzeit noch häufig anzutreffen. Kein Herrenausstatter kann sich ein Wintersortiment ohne Flanellhosen leisten. Was diesem wärmenden Stoff jedoch gut täte, wäre die Rehabilitation seiner vielen Muster- und Qualitätsvarianten. Denn abseits von mittel- oder dunkelgrauen Unis aus mehr oder weniger dünnem Kammgarnflanell reduziert sich die Auswahl meist auf ein nicht nennenswertes Minimum. Dabei kann Flanell doch so viel interessanter sein. Als schwere (500 Gramm pro Quadratmeter) Streichgarnqualität in meliertem Hellgrau, grünem oder braunem Pfauenaugenmuster gibt es kaum bessere Winterhosen. Anzüge profitieren von vielen Mustern, die es auch in glatten Webarten gibt: Glen Check, Nadel und Kreidestreifen sehen in Flanell wie weichgezeichnet und dadurch zurückhaltend aber elegant aus.

Wie schon in meinem Plädoyer für die Krawatte geht es mir nicht darum, Stoffe zu tragen, die selten und deshalb besonders sind. Vielmehr sollte jedem, der solche Produkte kauft, bewusst sein, dass er damit die Vielfalt in der Herrenmode aktiv unterstützt und erhält. Keine schlechte Sache, finden Sie nicht?

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Über den Autor

Gastbeitrag von Florian S. Küblbeck. Im renommierten Stilmagazin war der Modejournalist und Stilcoach federführend für den redaktionellen Teil verantwortlich. Heute arbeitet er für verschiedene Blogs und Online-Magazine. Sein Spezialgebiet ist die klassische Herrengarderobe. Im Gentleman-Blog schreibt er unter anderem über Stil und die Garderobe eines Gentleman.



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