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Dez 21

Wozu brauchen wir Dresscodes?

Dresscode - Lust oder Last?

Wozu brauchen wir eigentlich all die vielen Dresscodes, die für Leute, die sich „einfach nur anziehen“ wollen, so schwierig zu durchschauen sind? Wäre es nicht einfacher, diesen Haufen überflüssiger Regeln einfach abzuschaffen und jedem die Wahl seiner Kleidung selbst zu überlassen? Kurz: Kann man sich den Regelkram nicht einfach sparen? Ich behaupte, es wäre keinesfalls einfacher, sondern deutlich komplizierter und außerdem auf fatale Art und Weise ergebnisoffen, auf Regeln in der Mode zu verzichten.

Dresscodes als gefühlte Zwänge

Betrachten wir zunächst ein alltägliches Beispiel: Die meisten Menschen wissen ganz genau, welche Art von Kleidung ein bestimmtes soziales Umfeld von ihnen erwartet. Nirgends begegnen uns Dresscodes häufiger als im Arbeitsalltag. Für viele Deutsche ist der Griff zum Anzug samt Hemd, Krawatte und schlichten Lederschuhen Pflicht oder zumindest wenig diskutabel. Gerade in den letzten Jahren wird sich darüber auch lauthals beschwert. Es sei, so höre ich oft Freunde im Gespräch formulieren, einengend und gleichmacherisch, den persönlichen Kleidungsstil derart zu unterdrücken. Schlimmer noch sei, für bestimmte Anlässe wie etwa die eigene Hochzeit eine bis hin zur Krawattenfarbe vorgegebene Garderobe diktiert zu bekommen.

Die Illusion der völligen Individualität

Ich behaupte, diese Argumentation ist zu kurz gegriffen. Ein Vergleich mit einer anderen, ebenfalls stark von Regeln dominierten Disziplin unseres Lebens kann in dieser Hinsicht vielleicht Klarheit verschaffen: Dem Straßenverkehr. Niemand käme auf die Idee, vollkommene Individualität auf Deutschlands Straßen zu fordern. Jeder Leser mit Führerschein kann sich vermutlich vorstellen, wie die PKW-Verbindung zwischen München und Berlin aussähe, würden hier nicht die amtlichen Regeln für Autobahnen gelten. Wer soll sich noch auf unfallfreies Lenken konzentrieren, wenn bereits die Wahl der Fahrspur mit dem wenigsten Gegenverkehr oder eines angemessenen Tempos irgendwo zwischen „schnell“ und „sicher“ die gesamte Aufmerksamkeit fordert?

Ebenso wenig wäre es sinnvoll, einen einzigen Regelsatz der Straßenverkehrsordnung auf sämtliche Straßen- und Zonenarten anzuwenden. Autobahnregeln in Tempo-30-Zonen oder gar auf öffentlichen Parkplätzen? Nein danke. Einbahnstraßen-Regelungen auf Bundesstraßen? Auch hier würde ich dankend ablehnen. Sie sehen, auch in anderen Disziplinen unseres alltäglichen Lebens nehmen wir Regeln dankbar an. Wer sich an die Straßenverkehrsordnung hält, kann sich sicher sein — gleiches gilt für Dresscodes.

Kleider machen Leute

Natürlich werden jetzt einige Leser einwenden, im Straßenverkehr gehe es immerhin um Menschenleben, weshalb dort Regeln durchaus angebracht seien. Hier kann ich nur zweierlei erwidern. Erstens: Auch unsere Garderobe verfolgt neben individueller Eitelkeiten einen höheren Zweck, nämlich den des guten Eindrucks auf unsere Umwelt. Einen guten Eindruck zu hinterlassen ist eine von vielen Formen, höflich zu sein. Und höflich ist andererseits eben auch, wer anderen nicht die Vorfahrt nimmt. Zweitens: Neben der Analogie des Straßenverkehrs ließen sich noch viele weitere alltägliche Beispiele finden. Kochrezepte? Vor allem für Anfänger dankenswerterweise reguliert. Postwesen? Gottlob von Regeln dominiert. Baustatik? Justiz? Bundesregierung? Regeln soweit das Auge reicht.

Regeln sparen Zeit

Wir leben in einer Welt, die wesentlich auf der Ersparnis unnötigen Nachdenkens durch Regeln beruht. Wo immer wir irgendeine Form von Miteinander erleben, erleben wir auch Regeln. Höchste Zeit, dies auch für unsere persönliche Garderobe zu akzeptieren. Und ganz nebenbei: Wer die Regeln guter Kleidung erst beherrscht, wird viel Freude daran finden, sich ausgehend von diesen freier und individueller gekleidet zu fühlen und innerhalb gesunder Grenzen Regeln individuell auszuleben. Wer Dresscodes dagegen von vornherein ablehnt, wird nie jene wichtigen Grundlagen lernen, die viele alltägliche Kleiderfragen überflüssig machen und so den Spaß an der guten Garderobe überhaupt erst aufkommen lassen.


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Interview mit Florian S. Küblbeck – “Die Deutschen haben Angst davor, sich falsch anzuziehen

Über den Autor

Gastbeitrag von Florian S. Küblbeck. Im renommierten Stilmagazin war der Modejournalist und Stilcoach federführend für den redaktionellen Teil verantwortlich. Heute arbeitet er für verschiedene Blogs und Online-Magazine. Sein Spezialgebiet ist die klassische Herrengarderobe. Im Gentleman-Blog schreibt er unter anderem über Stil und die Garderobe eines Gentleman.



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8 Responses to “Wozu brauchen wir Dresscodes?”

  1. Herr Boldt sagt:

    Sehr geehrter Herr Küblbeck,

    zuallererst begrüße ich Ihren gesamtgesellschaftlichen Blick und Ihr Gespür für interessante Fragestellungen. Das ganze warf allerdings bei mir eine Frage auf.

    Sind solche normativen Spielregeln nicht eher ein Soll als ein Muss?
    Wer indischen Straßenverkehr kennt, weiß dass auch scheinbar unregulierter Verkehr komischerweise funktioniert. Das liegt an zwei Feststellungen:

    1. Regeln für das gesellschaftliche Zusammenleben und erwartbares Verhalten werden vorallem durch jeden Menschen selbst getroffen, nicht durch ein von oben verordnetes System. Jede Art der Kultur entstand aus sich selbst heraus und nicht durch obrige Ge- und Verbote.
    2. Reglementierungen führen aufgrund von Informationsproblemen zu Ineffektivität und Innovationslosigkeit, das wissen wir nicht erst seit Hayek.

    Wenn auf einer Hauptstraße ein “Achtung Schulkinder” Schild plötzlich 30 km/h vorschreibt, obwohl in dem Ort seit zehn Jahren keine Schule ist, die Anwohner aber darauf beharren, können Regeln auch völlig unsinnig sein.

    Ein besserer Vergleich hätte vielleicht im Bezug auf soziale Verhaltensweisen sein können. Wenn man z.B. mit jemandem essen geht und sympathisch wirken möchte, nimmt man nicht nur die gleiche Körperhaltung an, man isst sogar zum gleichen Zeitpunkt und geht auf den Gesprächspartner ein. Man trägt sogar Kleidung auf gleicher Stufe.

    Dresscodes sind eher ein Händedruck als StVO.

    Mit freundlichen Grüßen

    Boldt

  2. FSK sagt:

    Vielen Dank für Ihren ausführlichen Kommentar. Sicherlich kann man viele geeignete, vielleicht sogar geeignetere, Analogien zu etablierten Dresscodes finden. Dass diese in anders sensibilisierten Gesellschaften notgedrungen anders ausfallen, versteht sich. Bei meinem Vergleich bin ich stillschweigend von sinnvollen Verkehrsregeln ausgegangen, denn wie auch bei Kleidung sind Regeln spätestens dann zu Disposition gestellt, wenn ihre Notwendigkeit nicht mehr besteht.

  3. Aye!
    Kleider machen Leute und der heutigen Zeit der Orientierungslosigkeit sind Dresscodes gut und für die meisten ja auch einfach anwendbar.
    Danke für diesen Artikel!

    Gruess
    McM

  4. Thomas S. sagt:

    Ein guter Artikel! Vielleicht noch eine kleine Randnotiz. Oft hört man den Satz, es komme nur auf die inneren Werte an, das Äußere sei nicht entscheiden. Dabei denke ich mir immer, dass – soweit es um Kleidung geht – das Äußere ob bewusst oder bei den anderen nur unbewusst ein ziemlich deutlicher Spiegel der vorhandenen inneren Werte darstellt. Bei den meisten Leuten trifft man doch meist ins Schwarze.
    Schön steht es im Artikel beschrieben. Die Kleidung ist auch eine Wertschätzung der anderen! Viele scheint es aber nicht mehr zu interessieren, so jedenfalls die allsommerlichen Erfahrungen – im Winter ist das schon schwerer, da ist es für zuviele “Individualitäten” einfach zu kalt….

  5. Werter Thomas

    aye, aye! die inneren Werte sind doch wirklich wichtig.
    Doch wie will ich im Schmuddellook mich meinem Gegenüber diese bekanntmachen?
    Schwierig wie wir alle zugeben müssen.

    Ich bin völlig Deiner Meinung, dass der Eindruck, und das ist ja eben immer der Äussere, sehr entscheidend ist. Und der Rückschluss vom Äusseren zum Inneren ist schnell gemacht.

    VErgessen wird die Wertschätzung und auch der Repekt gegenüber dem Anderen tatsächlich auch. Die schönsten Beispiele sind doch die Gäste an Hochzeiten…

    Gruess
    McM

  6. Ich finde den Beitrag toll formuliert, aber die Argumente recht schwach. Dabei Teile ich die Meinung, dass Dresscodes wichtig sind. Innere Werte, wie Jochannan McMorghey vor mir kommentiert, haben in meinen Augen aber wenig mit dem Äußeren zu tun aund das Äußere ist auch kein Schlüssel dafür. Dresscode ist eine Form von Respekt. Hier mein Kommentar zum Gastartikel auf dieser Seite:

    http://www.youtube.com/watch?v=viHjNXPRHCs&list=UU0j8HFDnOUdfQA18Dnhs92Q&index=1&feature=plcp

  7. Werter Boris
    Dann hast Du mich falsch verstanden.
    Es ist richtig, dass vom Äusseren nicht auf das Innere geschlossen werden kann.

    Ich meinte:
    ES WIRD vom Äusseren zum Inneren geschlossen – der berühmte erste Eindruck!

    Gruess
    McM

  8. Jens sagt:

    Vielen Dank für den sehr interessanten Kommentar. Vor allem in dem Punkt, dass wir mit unsere Kleidung einen guten Eindruck hinterlassen wollen und dies im Sinne der Höflichkeit gegenüber anderen wichtig ist, kann ich sehr nachvollziehen. Nur nicht das Brautpaar ärgert sich über unpassend angezogene Gäste an dem wohl wichtigsten Tag im Leben.

    Viele Grüße
    Jens Magnus

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