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Feb 13

Wenn mehr Konsum nicht mehr glücklich macht – Eine Konsumkritik

Immer mehr, immer schneller, immer oberflächlicher. Unser Konsumverhalten hat eine immense Beschleunigung erfahren. Von bunten Werbewänden und flackernden Bildschirmen schreit uns permanent ein „Jetzt kaufen!“ entgegen. Doch glücklicher macht uns das pradoxerweise nicht. Der Soziologe Prof. Hartmut Rosa fordert deshalb eine Umkehr. Eine Konsumkritik.

Konsum als Entlohnung für unsere Anstrengungen

Wir erleben derzeit eine Beschleunigung fast aller Lebensbereiche. Schule, Studium und Beruf verlangen von uns immer größere Anstrengungen. Bei uns herrschen zwar noch keine japanischen Verhältnisse, wo bereits Kinder einen 16-Stunden-Tag ableisten müssen. Doch in unserer Gesellschaft, in der sich die meisten Menschen über ihren Job definieren, lautet das allgemeine Credo: Nur nicht zurückfallen und Anderen das Spielfeld zu überlassen. Denn wer stehen bleibt fällt zurück. Häufige Folge: Gereiztheit, Stress und Burn-Out.

Durch Konsum versuchen wir, uns für unsere geleisteten Anstrengungen zu belohnen. Auch hier lautet das Motto: Immer möglichst alles und zwar sofort. Auf dem Weg von der Arbeit überfällt uns die plötzliche Lust auf Schokolade, sofort gehen wir zum nächsten Kiosk und kaufen uns eine Tafel. Beim Bummeln entdecken wir ein originelles T-Shirt, ganz nett, Kreditkarte gezückt, gekauft. Das neue Smartphone gibt es zunächst nur in den USA. Kein Problem, wir bestellen es über das Internet. Und so weiter, und so fort.

Erfüllte Wünsche liefern bald keine Befriedigung mehr

Hartmut Rosa, Professor für allgemeine und theoretische Soziologie in Jena und Gastprofessor an der New School University in New York, kritisiert diese ach so schöne, neue Welt der Wunschlosigkeit. Der Autor des Buches Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne meint im ZEIT-Interview „Wir alle kaufen immer mehr. Es gibt kaum jemand, der nicht zwanghaft konsumiert. Ich auch. Ich kaufe zwanghaft CDs. Bei anderen sind es Klamotten, Schuhe, Brillen. Viele Männer, die behaupten, immun zu sein, kaufen sich ständig neue Bohrer oder Schraubenzieher. In immer kürzeren Abständen brauchen wir mehr davon, weil uns das alles nicht genug befriedigt“. Das Problem in diesem Verhalten erläutert der Experte so: „Je mehr ich mir kaufen kann, umso kürzer hält die Befriedigung. (…) Als ich jung war, dachte ich immer: Diese eine CD brauche ich noch, dann habe ich endlich das Ultimative, dann ist meine Sammlung komplett. Dem Heimwerker fehlt immer ausgerechnet noch diese Hobelbank, dann hat er eine Vollständigkeit erreicht. Die wird aber nie erreicht. Wir wissen am Ende gar nicht mehr, was wir alles haben“.

Wir jagen immer neuen Konsumträumen hinterher, die im Augenblick ihrer Befriedigung durch neue Konsumwünsche ersetzt werden. Ein endloser Kreislauf. Der schnelle Zugang zu Allem ändert auch unser Vokabular. Wir kaufen und die Dinge nicht, sondern wir holen sie uns. Notfalls auf Pump. Durch Internet und Globalisierung ist der Konsum zudem grenzenlos geworden. Wir bestellen von Zuhause, in der Straßenbahn und auf der Arbeit Produkte aus der ganzen Welt. Ein paar Klicks reichen.

Das Ende der Produktbeziehung

Der altbekannte Sprichwort „Vorfreude ist die schönste Freude“ kommt nicht von ungefähr. Wer sich alles sofort kauft, verpasst das Beste. Wenn man auf etwas spart und sich über einen längeren Zeitraum auf etwas freut, weiß man den Wert viel mehr und länger zu schätzen.

Dass der schnelle Konsum führt zu einer oberflächlicheren Beziehung zu den Dingen, ist ein wesentliches Problem: „Eine Kamera, die mehr Handlungsspielräume eröffnet als die alte. Ein superschneller Internetanschluss, der mehr ermöglicht als der alte. Aber warum ist Optionensteigerung interessant? Habe ich ein Ziel, für das ich diese technischen Handlungsspielräume benötige? Das ist selten der Fall. Die Ausstattung hat uns überholt. Die Waren bleiben uns fremd. Wir eignen sie uns nicht an“, führt Rosa aus.

Mal ehrlich: Kennen Sie alle Funktionen Ihres Handys oder Smartphones? Haben Sie die Anleitung für Ihre Foto- oder Videokamera durchgearbeitet, um das Letzte aus dem Gerät herauszuholen? Wollen wir uns auf unsere technischen Geräte einlassen, um ihr volles Produktivitäts-Potential zu nutzen oder wollen wir den schnellen Innovationszyklen der Industrie hinterherjagen? Ist unsere Technologie noch Werkzeug und ein Mittel zum Zweck oder ist sie zum reinen Selbstzweck, zum Spielzeug Erwachsener verkommen? Kaufen wir etwas, weil der Nachbar es auch hat, oder weil wir es uns wünschen? Es tut gut für sich selbst und im Stillen darüber zu sinnieren.

Jeder hat es selbst in der Hand

Es geht nicht um den totalen Verzicht oder gar einen Leitfaden zum Aussteigertum. Garantiert uns Besitz doch lebenswichtige Sicherheit gepaart mit unleugbarem, realem Genuss. Besitzlosigkeit und Armut sind nur aus der kuschelig-warmen Sicherheit des Besitzenden attraktiv. Trotzdem können die Einwürfe der Konsumkritiker unsere Weltsicht ergänzen und erweitern. Und sich wieder ein Stück glücklicher zu machen.

Der mündige und selbstbewusste Verbraucher hat es selbst in der Hand: Weg von dem schnelle, gedankenlosen Konsum mittelmäßiger Waren mit kurzfristiger Sofortbefriedigung, hin zum Konsum von qualitativ hochwertigen Produkte mit Augenmaß und Verstand.

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2 Responses to “Wenn mehr Konsum nicht mehr glücklich macht – Eine Konsumkritik”

  1. Veryluxe sagt:

    Guter Artikel. Aber, wirklich schöne Dinge muss ich besitzen. Wo bleibt sonst der Spaß?

  2. Umut sagt:

    Witzig die werbebanner parallel dabei zu sehen ….

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