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Sep 28

“Stufen” von Hermann Hesse: Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne…

Stufen - Hermann Hesse (Bilder: Wikipedia)

Schriftsteller Hermann Hesse (1877 – 1962) erlangte mit seinen Prosawerken wie “Der Steppenwolf” und mit seinen Gedichten weltweite Bekanntheit und wurde im Jahr 1946 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Hesses wohl bekanntestes Gedicht trägt den Namen “Stufen” (zum kompletten Text des Gedichtes bitte etwas runterscrollen).

Hermann Hesses Meisterwerk ist Gedicht, Gebet und philosophische Erkenntnis in einem. Die Zeile “Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne” ist selbst vielen Menschen bekannt, die Hesse und sein Gedicht nicht kennen.

Weltbürger und Ikone der 68er

Zentrales Thema Hesses Werke war oft der ältere Freund oder Meister, der einem jungen Menschen den Weg zu sich selbst öffnet. Dadurch war und ist der Weltbürger Hermann Hesse noch immer der Lieblingsautor zahlloser Jugendliche und wurde so zu einer Ikone der 68er-Generation. Viele seiner Leser erkennen sich selbst in der Lektüre. In einer ARD-Dokumentation zu Hesses 50. Todestag fragt sich der langjährige Hesse-Fan Udo Lindenberg stellvertretend für Menschen in der ganzen Welt fasziniert: “Wie kann der über mein Leben schreiben, das war ja genau meine Story. Der kennt mich doch gar nicht!

Ein Gedicht wie ein Gebet

Hesses Eltern waren christliche Missionare, der Religion stand Hesse aber nicht sonderlich nah. Als Jugendlicher unternahm er sogar Selbstmordversuche. Er fühlte sich von Gott, den Eltern und der Welt verlassen und sah hinter den starren pietistisch-religiösen Traditionen der Familie nur noch Scheinheiligkeit. Dennoch oder vielleicht gerade deswegen hat sein Gedicht “Stufen” hat viel von einem Gebet und ist höchst philosophisch. In dem Gedichte beschreibt Hermann Hesse den Lauf des Lebens, die Notwendigkeit sich weiterzuentwickeln und nimmt den Augenblick des Endes allen irdischen Wirkens vorweg.

Stufen

von Hermann Hesse.

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.

Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf’ um Stufe heben, weiten.

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegensenden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

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