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Apr 02

Toleranz – Betrachtung eines überstrapazierten Begriffs

Toleranz-Begriff

Fast jeder fordert sie ein, doch längst nicht jeder handelt danach. In den Medien und der Politik ist sie ein Dauergast. Die Rede ist von der Toleranz. Der Gentleman-Blog wagt eine Betrachtung des überstrapazierten Toleranz-Begriffs.

Toleranz macht das Leben leichter

Die Überstrapazierung des Toleranz-Begriffes hat dieser Tugend nicht gut getan, denn was ständig herbeigerufen wird, verkommt zur reinen Worthülse und steht bald für Alles und Nichts. Werfen wir deshalb zunächst einen genauen Blick auf die Wortherkunft: Toleranz leitet sich vom lateinischen tolerare (erdulden) ab. Tolerant zu sein, bedeutet demnach, ein nachsichtiges, duldsames und großzügiges Verhalten an den Tag zu legen. Diese Definition spiegelt sich auch in einer alten Volksweisheit wider: Leben und leben lassen. Eine derartige Lebensphilosophie ist keineswegs uneigennützig, da sie auch effizient vor Stress schützt. Wer sich nicht ständig über angeblich unmögliche und unerhörte Menschen aufregt, spart Energie und Nerven für schönere und sinnvollere Dinge. Zudem hilft uns gelebte Toleranz zu begreifen, dass auch unsere kleine Lebenswelt nicht den Gipfel der Weisheit markiert. Der amerikanische Pulitzer-Preisträger Robert Lee Frost bringt dies auf den Punkt: „Toleranz ist das unbehagliche Gefühl, der andere könne am Ende vielleicht doch recht haben.

Multikulturelle Dialoge

Die Tugend Toleranz, ist besonders in jenen Situationen gefragt, in denen wir mit anderen Kulturen, Religionen oder Lebensanschauungen konfrontiert werden. Entsprechend wird der Toleranz-Begriff immer wieder bei Diskussionsrunden über Einwanderung und Multikulturalismus ins Spiel gebracht. Meist wird darüber gestritten, wie weit die Toleranz gehen darf, und wo die Grenzen des Erduldens und der Nachsicht liegen.

Doch vieles, was als Toleranz etikettiert wird, ist in Wirklichkeit pures Desinteresse am Anderen. „Ignorieren ist noch keine Toleranz“ meinte bereits der große deutsche Schriftsteller Theodor Fontane. Zum friedlichen Miteinander in einer bunten Gesellschaft gehören also ehrliches Interesse, Offenheit und Neugier für fremde Kulturen und Sichtweisen. Natürlich ist Toleranz keine Einbahnstraße, sondern sollte wie ein gelungener Dialog verstanden werden, bei dem beide Parteien abwechselnd geben und nehmen, reden und zuhören, erklären und lernen. Toleranz bedeutet gegenseitige Großzügigkeit. Ist nur eine Partei großzügig, kann keine wahre Toleranz erwachsen.

Der Gentleman und die Toleranz

Wahrhaftig gelebte Toleranz ist eine Charaktereigenschaft, die einen Gentleman auszeichnet. Dazu gehört ein ehrliches Interesse an anderen Menschen und der Wunsch, mit seinen Mitmenschen in Frieden zu leben. Dem Charakter eines Gentleman schmeichelt zudem ein tolerantes Wesen, lässt es ihn doch souverän und über die Dinge erhaben erscheinen. Denn was wirkt peinlicher als ein Mann, der sich zeternd, unkontrolliert und aufgeregt über Andere echauffiert. Durch den offenen Dialog mit seinen Mitmenschen sowie das ehrliche Interesse an anderen Meinungen und Lebensläufen kann man sich zudem ein begehrtes, verführerisches und unverkäufliches Attribut erarbeiten: authentische Weltläufigkeit.

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6 Responses to “Toleranz – Betrachtung eines überstrapazierten Begriffs”

  1. Batzn sagt:

    Ein sehr schöner Artikel über Toleranz!

    Ich persönlich habe Vegetarier, Bauern, Nazis, Schwule und Hippies in meinem Freundes- bzw. Bekanntenkreis und finde das unglaublich erfrischend. Ich kann und will mir ein Leben mit der immergleichen Sorte von Menschen einfach nicht vorstellen.

    Gleichzeitig verwundern mich diese Menschen auch…
    Am besten verdeutlicht das dieses Zitat:
    Ich dachte immer ich hätte Vorurteile.
    Doch dann habe ich die Leute getroffen die von sich behaupten sie hätten gar keine…..

  2. “Toleranz wird zu einem Verbrechen, wenn man dem Bösen mit ihr begegnet.” (Thomas Mann, Top- Gentleman)

  3. Patrick Fußenegger sagt:

    Ja da hätte ich auch Schwierigkeiten tolerant zu Nazis zu sein. Aber da, muss jeder selbst seine moralischen Grenzen ziehen, was ist für ihn noch tragbar.

  4. Hendrik sagt:

    @Patrick

    Toleranz kann und darf man den Nazis NICHT entgegenbringen. Denn Nazis sind intolerante Faschisten, d.h., dass sie gewaltsam gegen Andere vorgehen, die anders leben und denken. In solch einem Falle ergäbe Toleranz keinen Sinn.

  5. Ja, gegenüber intoleranten Menschen ist Toleranz fehl am Platz – sogar gefährlich.

  6. BVR sagt:

    Ein gütiges Schicksal (oder ein funktionierendes Gewaltmonopol) möge uns davor bewahren, den “Toleranten” in die Hände zu fallen, die denen gegenüber, die sie nach eigenem Gutdünken heute als “Nazis” bezeichnen, ihre “demokratische Meinung äußern”. Wie die dieser selbsternannten Toleranten aussieht, kann man regelmäßig in Hamburg, Berlin, Dresden und ähnlich heimgesuchten Orten sehen, inzwischen sogar in den dieser Szene gegenüber sehr “toleranten” Medien.

    Und ob jemand, der solchem “autonomen”, aber eigentlich kriminellen, Handeln auch nur stillschweigende Sympathie entgegenbringt, sollte sich überlegen, ob er guten Gewissens “gentleman” mit sich in Zusammenhang bringen kann. Oder ob eher eine Nähe zu denen besteht, die hinterher wieder sagen: “Wir waren es ja nicht, wir sind ja nicht schuld…”?

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