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Jun 20

Hilfe! Übertreibung wird Normalität

Übrtreiben, um gehört zu werden

Richtig gut ist eine Geschichte nur, wenn in ihr etwas Spannendes, Kurioses oder Außergewöhnliches passiert. Da Menschen gute Geschichten lieben, dichten Erzähler gerne das eine oder andere Detail dazu, um ihren Worten die nötige Würze zu geben. Aber warum muss heutzutage scheinbar alles überhöht werden? Der Gentleman-Blog auf den Spuren der Übertreibung.

Der Mensch braucht Publikum

Als soziale Wesen wollen Menschen vor allem eines: Vom Umfeld (positiv) wahrgenommen werden. Doch dieses „gehört werden“ gestaltet sich im weltweiten vernetzten Medienzeitalter zunehmend schwieriger. Pausenlos informieren uns Fernsehen, Radio, Plakate, Zeitungen, Zeitschriften oder das Internet darüber, was gerade Sensationelles in der Welt passiert. Die Informationsflut lässt unsere Aufmerksamkeitsschwelle stetig ansteigen. Um trotzdem Gehör zu finden, greifen viele Zeitgenossen in ihrer Verzweiflung zur Übertreibung. Wahrscheinlich ohne bösen Willen, aber mit unbedingtem Sendungsbewusstsein, werden Zahlen, Daten und Fakten großzügig und flexibel dem jeweiligen Spannungsbogen und Grundtenor der erzählten Geschichte angepasst.

Klassisches Beispiel für die Effekt heischenden Flunkereien sind die Horror-Geschichten über Verspätungen und Pannen der Deutschen Bundesbahn. Aus 30 Minuten Wartezeit wird eine Stunde, ein kühl klimatisiertes Abteil wird zur Gefrierkammer, und eine Fahrt ohne Sitzplatz wird wie eine U-Bahn-Fahrt zur Rush-Hour in Tokio geschildert. Auch die tägliche Selbstinszenierung auf Facebook funktioniert nur mit einem guten Maß an Übertreibung, da immer neue Jubelmeldungen über Partnerschaft, Job, Reisen oder Neuanschaffungen eine wahre Inszenierungsspirale in Gang setzen, die alle Beteiligten unglücklich macht.

Medien fördern das Gigantische

Übertreiben die Medien so heftig, weil die Zuschauer es so wollen oder übertreiben immer mehr Menschen, weil die Medien es ihnen so vorleben? Diese schwierige Henne-Ei-Problematik wird wohl nie geklärt werden. Fakt ist, dass es vor zehn Jahren noch genügte, normale Menschen mit alltäglichen Problemen im Fernsehen zu Wort kommen zu lassen. Heute hingegen sind Talkshows, Gerichtssendungen oder Kuppeleien komplett gescriptet und warten mit immer abstruseren Geschichten auf. Als im Jahr 2000 die erste Staffel „Big Brother“ lief, wurde in der Gesellschaft noch heiß darüber diskutiert, ob dies mit der Würde des Menschen vereinbar sei. Die heutigen Staffeln sind inhaltlich viel extremer, regen aber kaum noch jemanden auf. Diagnose: abgestumpft.

Auch unsere tägliche Sprache spiegelt den Wunsch nach Sensation und Übertreibung wider. Hieß es früher schlicht „Ich habe Appetit“, muss es heute schon ein melodramatisches „Ich sterbe vor Hunger“ sein. Wer im Alltag viel zu tun hat, spricht sofort vom „Mega-Stress“. Und ein zerstreutes und hibbeliges Kind gerät vorschnell unter ADHS-Verdacht.

Lehren für den Gentleman

Ein Gentleman ruht in sich selbst, er muss nicht jeden Tag mit Sensationserzählungen auftrumpfen, auch wenn es sicherlich gestattet ist, Geschichten etwas auszuschmücken, um den Unterhaltungswert zu erhöhen. Wenn die Geschichte eines Mitmenschen wieder mal allzu fantastisch klingt, hört er trotzdem zu, schmunzelt innerlich und denkt sich seinen Teil.

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7 Responses to “Hilfe! Übertreibung wird Normalität”

  1. Kevin sagt:

    Sehr schön geschrieben!

    xKevin

  2. Fabian sagt:

    Vielen Dank für diesen Artikel, er spricht mir aus der Seele!
    Freundliche Grüße,
    Fabian

  3. […] „Gentlemen Blog“ stellt man sich die Frage, warum Übertreibung und Überhöhung inzwischen zu unserem Alltag gehört und woher dies genau […]

  4. Michel sagt:

    „Der Gentleman ruht in sich selbst…“

    Sehr schön ausgedrückt. Vielen Dank für einen tollen Artikel.

  5. Henry sagt:

    Toller Beitrag. Du hat es echt auf den Punkt gebracht! Bravo!

  6. Bitskin sagt:

    Übertreibungen gehören schon seit den 80er Jahren zum Standard in der Werbung. Am tollsten finde ich immer die Waschmittelwerbung :)

  7. Nick P. sagt:

    Übertreibung gibt es aus meiner Sicht schon immer. Sie werden heute durch die Medien, sei es das Fernsehen oder das Internet, nur um einiges verstärkt und es erscheint uns als würden wir von fantastischen Geschichten und Informationen überfahren.
    Die Kunst liegt heute in der Selektion der Informationen. Jeder Mensch muss selbst wissen, was er an Informationen aufnehmen möchte und welche ihm wichtig sind. Es ist heute unabdingbar unseren Kindern zu lehren, nicht nur viele Informationen zu speichern (und dazu zähle ich auch den Lernstoff in der Schule) sondern Ihnen zu vermitteln, wo sie GUTE und WICHTIGE Informationen erhalten. Sie müssen darüber hinaus auch in der Lage sein, Informationen zu hinterfragen und nicht alles als gegeben hinnehmen.
    Wie oft muss ich mir am Tag die Nachrichten reinziehen? Reicht es nicht nur einmal die Tagesthemen zu sehen? Brauche ich Facebook um mit meinen Freunden zu kommunizieren? Wie oft schaue ich fern? Sollte man nicht lieber zu Büchern greifen als zum Tablet/Smartphone? Das sind alles Fragen die man für sich selbst beantworten muss!
    Sehr guter Artikel der zum Nachdenken anregt.

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