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Sep 28

Models, Mode und Motoren

Ein Besuch auf der Automesse IAA in Frankfurt

IAA in Frankfurt

Wenn einem Journalisten in der Modewelt klar wird, dass über Schuhpflege und Stiltipps bis auf das eigene Buch eigentlich alles Interessante bereits geschrieben wurde, wildert man für eine Story eben in fremden Gärten. Als Sohn eines beseelten Automechanikers habe ich die weltgrößte internationale Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt am Main am Eröffnungstag besucht, mit dem inneren Auftrag, irgendetwas für Gentlemen Delektierbares dort zu finden.

Stillos auf der Automesse

Anzüge mit Kontrastknopflöchern am Revers und aufgeknöpftem Ärmelschlitz, jede erdenkliche Version von edelstählernden Rolexuhren, viel zu wenig Einstecktücher und eine beklagenswerte Menge an deutlich-deutsch überlangen Hosen waren die ersten Eindrücke, die sich mir beinahe aufdrängen. Das ganze auch noch gepaart mit auffällig billig gemachten Visitenkarten, deren Aufdruck in einem Fall unter meinen schweißfeuchten Fingern verrieb.

Zwei Stunden Akklimatisierung waren nötig, um den Blick im fremden Metier zu schärfen, aber dann konnte ich sie finden: die News für unseren Gentleman-Blog.

Trend: Absolute Customizing für Autos

Es gab einen auf der Messe klar erkennbaren Trend, der bei maßkonfektionierten Anzügen seit Beginn des Booms den Reiz individueller Mode ausmacht: Absolute Customizing nennt es wohl die Branche. Es meint die bezahlbare Möglichkeit für den Kunden, seinen Traumwagen neben der Auswahl „seiner“ geliebten Außenfarbe mit verschiedensten Details zu seiner „Kreatur“ zu machen und seine automobile Persönlichkeit sichtbar in Abgrenzung zum ‚Dacia von der Stange’ auf die Straße zu bringen. Bislang waren hier Nischenbetriebe wie Tuner oder „werksnahe“ Veredler vornehmlich tätig. Nun erkennen auch die Hersteller von Serienfahrzeugen den Bedarf – und das Mehr an Umsatzpotential.

Feinstes Leder auf der IAASeien es Ziernähte in den endlich auch in ausgefalleneren Farben wie Beige und Schwarz zu bestellenden Ledersitzen, farbig abgesetzte Radnabenabdeckungen, Prägungen und Gravierungen auf Vollmetallteilen oder Cabriodächern. Sogar farbige Reifen oder solche mit den Weißwänden der 1950er Jahre gibt es. Mit diesen beredten Kleinigkeiten lässt sich eine Fahrzeugbestellung 2013 für den interessierten Kunden als ein, um es pathetisch zu sagen, kleinen schöpferischen Akt empfinden.

Ein weiterer Trend war in den auf beinahe jedem Stand geöffneten Boutiquen zu finden. Es scheint sich bei Herstellern quer durch alle Segmente durchzusetzen, mehr oder weniger hochwertige und mehr oder weniger mit einer Automarke assoziierbare Zusatzprodukte wie Outdoorkleidung, (zum Teil ganz fiese) Krawatten oder (Leder)Reisegepäck – gern auf Maß für markentypische verwinkelte Kofferräume an Bug oder Heck eines Fahrzeuges – anzubieten. Dazu eine Menge an gebrandeten Gadgets, die allesamt eines gemeinsam haben: Für bessere Werbegeschenke sind sie einfach zu hochpreisig.

Parallelen zwischen Mode und Automobildesign

Trägt man einen „Press“-Batch auf einem Messegelände am Revers, wird man gern gefragt, für welchen Bereich der Ausstellungsthemen man sich interessiere. Das passierte mir dann u.a. auch in Person einer bezaubernden jungen Dame in Chanel-Jäckchen, der ich in holprigem Englisch meine Suche nach modeaffinen Eindrücken schilderte. Ein sehr verbindliches „Follow me“ und ein Lächeln später hatte mich jene Dame, die sich als Marketingfrau von Citroen zu erkennen gab, auf den Stand des Herstellers in der französisch dominierten Halle gelotst – und einen Gesprächspartner für mein Thema aus einer Gruppe junger, sehr modisch aufgemachter Damen und Herren herauslöste.

Thierry Metroz von CitroenIch hatte also die Gelegenheit, mit Thierry Metroz, dem charismatischen Design Director für die noble DS Line des französischen Herstellers, über Parallelen in den Prozessen um Mode und Automobildesign zu sprechen. Der elegant gekleidete Endvierziger (dunkler Anzug, perlenfarbiges Hemd mit schmaler Krawatte) sprach mit leuchtenden Augen und herrlich ausladenden Gesten von den Einflüssen von Kunst, Architektur und eben Mode auf die Entwicklung eines neuen Fahrzeuges. Zuerst habe er eine Form, die Proportionen, vielleicht sogar den Schattenschlag einer Karosserie im Kopf. Eindrücke von besuchten Möbelmessen, Modewochen (!) oder Museen addierten sich dabei zu konkreten Formen, und am Ende des Prozesses finde die Wahl der Materialien statt – sei es Leder, Holz, Filz, oder haptisch wertiger Kunststoff aus recyclebaren Grundstoffen.

Ebenso sei es mit einem guten Anzug, der eine Silhouette seines Trägers vervollkommnen kann, die Proportionen kaschiert oder pointiert – und aus Kompositionen von Tweed, feinster Wolle, Cashmere oder Seide ebenso seine Umsetzung ins Fassbare fände wie ein Automobil.

Zurück in die Realität

Mit diesem Gespräch schloss sich für mich der Kreis zwischen Mode und Motoren. Ich schlenderte durch und um die Halle 6. Die dort präsentierten – man möchte sagen: gehuldigten – automobile Herrlichkeiten rissen jeden Besucher, der im Spannungsbogen zwischen italienischem und englischen Design versus Dispo leben muss, erst in tiefe Depressionen, und in der heilenden Konsequenz in neue Leasingverträge. Man kann gar nicht genug Worte finden, um angemessen zu schwelgen.

Im Taumel vom Geruch des Connollys-Leder und der gern Vorstellung, was man mit 800 PS bei 1450 Newtonmeter Drehmoment anstellen kann, begab ich mich zurück in mein Leben mit meinem Gebrauchtwagen aus den 1990igern, der mich liebevoll am Bahnhof erwartete – mit rissigem Leder, verschlissenem Verdeck und einer tapferen Gesamtlaufleistung, die betragsmäßig an den Einstiegpreis der Automobile auf der IAA glänzenden Diven reicht.

Epilog

Den modischen Untergrund (re)präsentierte übrigens ein recht bekannter deutscher (Auto-)Sportmoderator: Während einer von ihm zelebrierten Enthüllung eines Fahrzeuges trug er vor breitem Publikum zu passformfreien Jeans nicht nur Loafer – es könnte auch ein Mokassin gewesen sein – im grüngrundigen Camouflage-Style, sondern ein sackartiges, schwarzes Jackett mit einem schwarzstraßsteinigen Totenschädel auf dem Rücken. Nein danke!

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Tipp: Wenn Sie sich mehr für schnelle Autos als für Mode und den Schnickschnack einer Automesse interessieren, empfehlen wir einfach einen Sportwagen zu mieten.
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Der Autor

Lars Hallatsch schreibt im Gentleman-BlogDieser Beitrag stammt aus der digitalen Feder von Lars Hallatsch. Er lebt und arbeitet als freier Journalist, Dozent und Coach bei Köln und München. Stil und Style für Herren sind dabei seine besondere Leidenschaft.



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2 Responses to “Ein Besuch auf der Automesse IAA in Frankfurt”

  1. Marc Koch sagt:

    Lieber Herr Hallatsch,

    vielen Dank für diesen sehr lesenswerten und amüsanten Artikel – es hätte der folgenden Zeile nicht bedurft, aber spätestens bei „Spannungsbogen zwischen italienischem und englischen Design versus Dispo“ hatten Sie mich völlig ;-))

    Ganz herzliche Grüße, Ihr Marc Koch

  2. Lars Hallatsch sagt:

    Lieber Herr Koch,

    vielen Dank :).

    Herzliche Grüße
    Lars Hallatsch

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