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Jan 10

Hitzelspergers Coming-out und das geheuchelte Desinteresse

Verliebte Maenner - Na und? Und doch guckt man hin!

Ex-Nationalspieler Thomas Hitzelsperger hat sich als schwul geoutet. Und das ist auch gut so. Er hat den Weg geebnet, dass es in Zukunft hoffentlich keine große Welle mehr schlägt, wenn sich Profi-Fußballer öffentlich zu ihrer Homosexualität bekennen. Nicht bekennen tun sich hingegen Millionen Menschen, die nun keine Gelegenheit auslassen mitzuteilen, dass es sie ja gar nicht interessiere und ihnen völlig egal sei, wer, was und mit wem in seinem Privatleben treibt. Doch diese Political Correctness ist geheuchelt. Menschen interessieren sich seit jeher für die Beziehungen, Vorlieben und Liebesleben ihrer Mitmenschen.

Warum diese Überbordende Berichterstattung?

Als die Online-Ausgabe der „ZEIT“ die Meldung von Hitzelspergers Outing veröffentliche, brach die Webseite kurze Zeit später zusammen, weil die Server dem Besucheransturm nicht standhalten konnten. Die Neuigkeit verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch die Medien, Sozialen Netzwerke und Büros. „SPIEGEL-ONLINE“ brachte am gleichen Tag gleich vier (!) Artikel zu dem Thema, und auch in der „TAGESSCHAU“ erschien ein zweiminütiger Bericht. Selbst die Bundeskanzlerin kommunizierte ihre Hochachtung für die Aktion.

Schon jetzt ist klar, dass in jedem Jahresrückblick darüber berichtet wird. Und das, obwohl es eigentlich nur um das Liebesleben eines Fußballers geht. „Na und?“ lautet einer der häufigsten Kommentare. Das ist an sich richtig. Na und, mir doch egal. Da ist eben ein Fußballer, der sich outet. Muss das eine Meldung sein, und ist der Umfang der Berichterstattung gerechtfertigt?

Zugegeben, die Sachlage geht hier tiefer. Es geht hier darum, wie tolerant unsere Gesellschaft ist, wie machohaft das Fußballbusiness ist, und wie Homosexuelle in Ländern wie Russland behandelt werden. Die Berichterstattung hat also durchaus seine Berechtigung, und Thomas Hitzelsperger wird sich als sehr reflektierter Mensch, der er ist, der Tragweite seins Outings im vollen Umfang bewusst gewesen sein.

„Na und?“ ist eine gute und berechtigte Reaktion. Dem wohnt Wohlwollen und viel Toleranz inne. Aber zu behaupten, es würde nicht interessieren, ist leider viel zu häufig geheuchelt. Wen es so gar nicht interessiert, der verfolgt nicht die Berichterstattung und schreibt in den Sozialen Netzwerken auch keine Kommentare.

Der Boulevard lebt vom Privatleben der Promis

Dennoch wird jetzt von vielen Seiten so getan, als würde es also nicht interessieren, wer mit wem, wann, wo und wie eine Beziehung führt. Diese Einstellung ist an sich natürlich richtig. Ist schließlich Privatsache. Und doch nur die halbe Wahrheit. Die Menschen interessieren sich seit jeher dafür, was ihre Mitmenschen so treiben. Das gilt für Prominente wie im persönlichen Umfeld, für Hetero- und Homosexuelle. Und wenn hierbei eine Beziehung nicht der „gesellschaftlichen Norm“ entspricht, ist die Aufmerksamkeit umso höher.

Der ganze Boulevard lebt davon, was eigentlich keinen zu interessieren hat, es aber eben doch tut: Das Privatleben von Prominenten, wobei hier vor allem deren Liebesleben im Mittelpunkt des Interesses steht: Seien es die Liebschaften von George Clooney, Madonnas und ihr Toyboy, Ehebrüche in den Königshäusern, die Spielerfrauen der Fußballer oder das Liebeschaos von Sylvie und Rafael van der Vaart. All das ist nicht nur der Regenbogenpresse viele Schlagzeilen wert.

Freizeitbeschäftigung Gossip

Es sind aber nicht nur die bösen Medien, die uns die Geschichten vorsetzen. Googelt man nach Prominenten und Fußballern, werden einem über die „autocomplete Funktion“ die Zusätze „schwul“ und „Freundin“ anzeigt. Diese Vorschläge stammen nicht von Google selbst, sondern basieren auf vorherigen Suchanfragen von anderen Google-Nutzern.

Auch in unzähligen Gesprächen im Freundeskreis, in der Nachbarschaft, im Verein, im Hörsaal und am Arbeitsplatz wird immer wieder über die Beziehungen, Liebschaften und Vorlieben der Mitmenschen gesprochen, getuschelt und getratscht.

neugierig aber tolerant

Wir Menschen sind soziale Wesen, leben in Gemeinschaften und interessieren uns für unsere Mitmenschen und ihre sozialen Beziehungen. Das ist soweit nicht verwerflich. Es ist nicht schlimm, dass man darüber redet. Entscheidet ist die Tatsache, wie man darüber redet und welche Geisteshaltung bei jedem einzelnen dahinter steht. In Punkto Toleranz und Respekt zeigen sich die wahren Gentlemen.

Aufklärung und Toleranz sind die Grundlage für Gesellschaft, in der jeder Mensch glücklich werden kann, unabhängig von seiner Hautfarbe, Religion oder sexuellen Orientierung. Thomas Hitzelsperger hat mit seinem mutigen Coming-Out eine wichtige Diskussion angestoßen, die zeigt, wie weit wie bei diesen Punkten schon ist, und woran unsere Gesellschaft noch arbeiten muss.

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6 Responses to “Hitzelspergers Coming-out und das geheuchelte Desinteresse”

  1. Timo sagt:

    (Leider) wahr. Wenn man seine Nachbarn durchs Fenster beim Sex beobachten kann, schaut man auch nicht weg…

  2. Franky sagt:

    Wenn im Büro eine attraktive Kollegin auftauscht, fragen sich alle Männer gleich, ob sie Single oder in einer Beziehung ist. Dass sie auch lesbisch sein könnte, kommt kaum einem in den Sinn.

  3. RK sagt:

    „Aufklärung und Toleranz sind die Grundlage für Gesellschaft, in der jeder Mensch glücklich werden kann, unabhängig von seiner Hautfarbe, Religion oder sexuellen Orientierung.“

    Es fehlt die Gerechtigkeit in dem Satz. Dann ist es perfekt.

  4. Simone sagt:

    Er ist KEIN PROFIFUSSBALLER MEHR ! Er ist EX-Profifussballer. Ich hätte es gut gefunden, wenn er es während seiner Karriere gemacht hätte. Dieses Outing wird rein gar nichts bewirken.

  5. Bo sagt:

    Nein!
    „Die Menschen“ interessieren sich nur solange für das Privatleben der Prominenten, solange diese Prominenten (meistens eben B-, C-, usw.-„Prominente“) nichts anderes Interessantes haben!
    Dementsprechend interessieren sich nicht „die Medien“ für irgendetwas, was sie als „Skandal“ aufbauschen können, sondern nur die Medien müssen sich mit Sex („sex sells“) interessant machen, die sonst nichts Interessantes bieten!
    Nicht umsonst gibt es genügend Prominente, „sogar“ im Unterhaltungsgeschäft, die ihr Privatleben nicht in der Öffentlichkeit vermarkten. Könnte es sein, daß das, rein zufällig, diejenigen sind, bei denen der Marktwert auch ohne Exhibitionismus hoch genug ist? Offenbar schaffen es sowohl eine Angela Merkel als auch eine Bonnie Tyler, ohne schlüpfrige Details aus dem Intimleben (das ja nicht umsonst übersetzt „das Innerste“ bedeutet) auszukommen, ohne zu verhungern.
    Auf diesen Fall bezogen: Ob ein Herr Hitzelsberger sich zu Männern hingezogen fühlt, interessiert genauso wenig ob ein Firmenvorstand Frauenunterwäsche unterm Anzug trägt – solange beides im Privaten bleibt! Und dafür sind eben überwiegend die entsprechenden Personen zuständig, schließlich werden die wenigsten zum Prominentsein gezwungen. Der (gerade von bestimmten Medien forcierte) Voyeurismus ist mindestens so abartig wie die „aufgedeckten“ Geheimnisse!

  6. Chavale sagt:

    Meine Reaktion auf Herrn Hitzelsbergers outing war auch „Na und?“. Eben weil mich Klatsch und Tratsch und das Liebesleben anderer nicht interessieren.
    Das hat aber nichts mit Gleichgültigkeit den Lebensbedingungen anderer Menschen gegenüber. Wenn in Russland und anderswo Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung, Religion, Hautfarbe, uvm verfolgt werden darf die Reaktion von niemandem „na und?“ sein.
    Gleichgültigkeit dem einen gegenüber impliziert nicht Gleichgültigkeit dem anderen gegenüber.

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