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Apr 14

Der britische Lebensstil: TWEED-Chefredakteur Hans Joachim Wieland im Interview

Interview mit Tweed-Chefredakteur Hans Joachim Wieland

In den Regalen der Zeitschriftenhändler findet sich seit einigen Monaten ein neues Männer-Magazin: TWEED – das Magazin für den britischen Lebensstil. Der Gentleman-Blog sprach mit TWEED-Chefredakteur Hans Joachim Wieland über die Geisteshaltung eines Gentleman alter Schule, die Sehnsucht nach authentischen Marken und Produkten sowie den hiesigen Zeitschriftenmarkt.

Sehr geehrter Herr Wieland, TWEED ist das einzige deutschsprachige Männer-Magazin für den britischen Lebensstil. Was zeichnet diesen Lebensstil aus?

Ich würde es einen britisch inspirierten Lebensstil nennen. Die Ausgangsidee ist die Affinität zum Britischen ganz allgemein, die ja von vielen Männern geteilt wird. Ich kenne ganz viele, die gern Tweedsakkos tragen, Malt-Whisky trinken und vielleicht sogar ein englisches Auto fahren. Über dem Ganzen schwebt ein unsichtbares Band, das diese Themen zusammenhält. Mit dem Britischen untrennbar verbunden, ist auch der Begriff des Gentleman, mit dem sich viele Männer durchaus identifizieren können. Ich vermeide die Bezeichnung Gentleman-Lifestyle, weil sie so inflationär gebraucht wird, dass sie Gefahr läuft, inhaltlos zu werden. Aber im Grunde trifft das die Sache schon ganz gut. Wir gehen bei TWEED von dieser englischen Gentleman-Idee aus und entwickeln daraus ein Spektrum, das zwischen rein britischen Themen und eher allgemeinen Gentleman-Themen liegt.

Wie würden Sie den englischen Gentleman alter Schule beschreiben?

Vor allem als jemanden, der respektvoll und fair mit seinen Mitmenschen umgeht. Ich meine, das ist das entscheidende Merkmal eines Gentlemans, viel mehr als der Kleidungsstil oder solche Dinge. Der beste Anzug macht ja aus einem Rüpel keinen feinen Herrn. Gentleman zu sein, ist eine Frage der inneren Einstellung und des Charakters. Es geht meiner Meinung nach vor allem darum, nicht immer nur den eigenen Vorteil zu suchen, sondern auch mal dem anderen in sportlicher Fairness den Vortritt zu lassen. Die Kleidung ist eher eine Nebenerscheinung, würde ich sagen. Ein Ausdruck eines guten Geschmacks, der sich dadurch auszeichnet, dass er die Übertreibung vermeidet. Ich glaube, diese Definition stammt von Oscar Wilde.

Auf dem hiesigen Zeitschriften-Markt tummeln sich weit über 1000 Magazine. Warum braucht es da eigentlich noch TWEED?

Ich habe TWEED ins Leben gerufen, weil ich der Überzeugung war, dass es kein Print-Magazin auf dem deutschsprachigen Markt gab, dass diese Zielgruppe wirklich anspricht. Die bestehenden Männer-Lifestyle-Magazine verfolgten ein anderes Konzept. Obwohl sie teilweise das Wort Gentleman im Titel tragen, erfüllen sie diesen Anspruch meiner Ansicht nach nicht. Zumindest habe ich mich davon nicht angesprochen gefühlt, und ich dachte, dass müsste doch anderen auch so gehen.

Um welche Themen geht es in TWEED – und um welche Männer- und Lifestyle-Themen geht es bewusst NICHT?

Cover des Tweed-MagazinsFangen wir hinten an: Es geht in TWEED definitiv nicht um spärlich bekleidete Damen. Der Bereich Erotik spielt bei uns keine Rolle, im Gegensatz zu den meisten Männermagazinen. Ansonsten ist unser Spektrum sehr weit gefächert. Natürlich hat der Bereich Bekleidung einen größeren Stellenwert, und dazu gehören auch Schuhe. Vor allem die Themen Maßkleidung und Maßschuhe stehen bei uns ganz oben auf der Liste. Dann beschäftigen wir uns mit Accessoires, von der Uhr bis zur Tasche, aber auch mit britischen Automobilen, mit Reisen und Hotels, Möbeln und Einrichtungen, Design, Kunst, Kultur und Sport, Whisky, Wein und Zigarren. Und vor allem auch mit interessanten Menschen, die das verkörpern, was wir mit unserer Zeitschrift transportieren wollen. Wir versuchen einfach, die gesamte Lebenswelt unseres Lesers abzudecken, soweit sie Teil dieses spezifischen Lebensstils ist.

Wer ist der typische TWEED-Leser, wen wollen Sie erreichen?

Der typische TWEED-Leser ist ein Rechtsanwalt aus Hamburg. Nein, im Ernst: Eine der interessanten Erfahrungen, die wir bisher gemacht haben, ist dass TWEED offenbar gern von Rechtsanwälten gelesen wird, warum auch immer. Abgesehen davon ist unser Leser ein erwachsener Mann, der im Leben angekommen ist, der einen gehobenen Bildungsstand und einen gewissen Erfolg hat. Jemand, der einen Sinn für Stil und einen hohen Qualitätsanspruch hat, dem die echte Substanz der Dinge wichtig ist, auf jeden Fall wichtiger als das Label, das aufgedruckt ist. Unser Leser orientiert sich an traditionellen Werten, nicht an modischen Strömungen oder kurzlebigen Trends. Er sucht nach Beständigkeit und authentischen Dingen, die ja immer seltener werden. Und er hat seinen eigenen Kopf und will seine Vorstellungen umgesetzt wissen.

Wie hoch ist die Auflage?

Die Druckauflage liegt aktuell bei etwa 80.000 Exemplaren. TWEED erscheint zweimonatlich, und daran soll sich auch nichts ändern. Ich denke, dass ist die richtige Frequenz für ein solches Magazin, zumal der Preis mit EUR 9,80 zugegebenermaßen gehoben ist. Wir sind mit den Zahlen sehr zufrieden und haben nicht die Absicht, die Auflage mit großflächigen Verschenkungsaktionen künstlich in die Höhe zu treiben, wie das bei anderen Titeln gängige Praxis ist. Wir vertreten noch die „Old School“-Idee, dass Zeitschriften richtig verkauft werden sollten.

Erstellt Ihre Redaktion alle Inhalte selbst?

Nein, es ist ein wichtiger Bestandteil des redaktionellen Konzepts, dass die Inhalte von vielen, wechselnden Autoren erstellt werden. Dabei versuchen wir natürlich, möglichst kompetente Autoren zu gewinnen. Einige davon sind allerdings regelmäßig im Heft zu finden, wie Bernhard Roetzel oder Florian Küblbeck. Diese beiden haben ja auch schon für den Gentleman-Blog geschrieben.

Bieten Sie Auszüge aus dem Magazin auch online auf einer TWEED-Webseite an?

Nein, wir tun das ganz bewusst nicht. Wir verstehen TWEED ausdrücklich als Print-Magazin. Wir lieben Print, und ich denke, dieses „altmodische“ Medium passt auch hervorragend zu unserem Konzept und den Inhalten. Wir wollen auch gar nicht mit einer breiten Online-Präsenz uns selbst oder den bestehenden Online-Magazinen Konkurrenz machen.

Letzte Frage: In welchen Punkten können sich die Deutschen die Briten zum Vorbild nehmen?

Ich habe große Sympathie vor dem genuin Konservativen, das die Briten gerne pflegen, im ursprünglichen Wortsinn des Erhaltens, des Konservierens. Man wirft nicht so schnell etwas weg, ob das Gegenstände oder Traditionen sind. Diese Beharrlichkeit, die manchmal an Starrsinn grenzt, trägt auf lange Sicht oft Früchte. Wir lieben heute wieder die klassischen britischen Wachscotton-Jacken, obwohl sie technisch eigentlich völlig überholt sind. In der deutschen Textilindustrie hätte man sie längst durch moderne Kunstfasern ersetzt. Gerade in der heutigen Zeit sucht man ja nach authentischen Marken und Produkten, die nicht nur ein Label sind und in China produziert werden. Ich denke, wir können uns eine Scheibe von den Briten abschneiden und unseren Fortschritts- und Effizienzwahn etwas zurückstutzen – zugunsten unserer handwerklichen Traditionen und Kulturen, die wir gerade ohne Not einer Internationalisierung auf niedrigstem Niveau opfern.

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2 Responses to “Der britische Lebensstil: TWEED-Chefredakteur Hans Joachim Wieland im Interview”

  1. Werner v. M. sagt:

    Viel Erfolg mit dem Tweed Magazin – würde mich freuen, wenn es klappt! Da drängt sich eine Kooperation zwischen dem GentlemanBlog und dem Tweed Magazin förmlich auf. Beiden Formaten nur die besten Wünsche für die Zukunft!

  2. Gerhard Mandl sagt:

    Wunderbar, daß ich auf diesen Artikel gestoßen bin und werde mich sofort am nächsten Werktag bei meinem Kiosk um den Erwerb bemühen, denn schon lange bin ich auf der Suche nach einer Fortsetzung des Herrenjournals. Ich hoffe, es hiermit gefunden zu haben.

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