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Jun 29

Gin and Tonic: Vom Malaria-Mittel zum Gentleman-Getränk

Gin Tonic - Ein Drink für Gentlemen

Woher der Boom kam, lässt sich nicht mehr sagen. Doch die Nachfrage nach dem alten Kolonial-Drink Gin and Tonic (das „and“ unterscheidet Gentlemen von Banausen) sprengt momentan alle Dimensionen. Plötzlich findet man die Produzenten der Wacholder-Spirituose vermehrt sogar in Deutschland – Duke (München), Adler (Berlin), Monkey 47 (Schwarzwald). Roland Graf begab sich für den Gentleman-Blog in London und Hampshire auf die Spuren des britischen Mischgetränks.

Steuerpolitik verhalf Gin zum Durchbruch

Anspielungen auf die britische Geschichte prägen die Labels bekannter Marken bis heute: Vom Spitznamen der Leibgardisten, „Beefeater“, bis zum Porträt Queen Victorias, das heute noch die Flaschen von „Bombay Sapphire“ ziert. Erfunden wurde der Gin allerdings in Holland, das englische Wort gilt als Kurzform des dortigen „Genever“. Der aus den Niederlanden stammende König Wilhelm von Oranien soll das Getränk in London zur Popularität verholfen haben, indem er die Steuer auf französische Brände erhöhte. Ein Gentleman’s Drink war die Spirituose in früheren Zeiten mitnichten, zeitgenössische Berichte des 18. Jahrhunderts geißeln den Massenkonsum der einfachen Arbeiter („Gin Craze“).

Gin & Tonic als Mittel gegen Malaria

Den Weg in die (Offiziers-)Clubs fand er erst dank der gesundheitspolitischen Reformen der Briten. Chinin, damals noch nicht als gesüßtes Tonic Water an die Kolonialtruppen ausgegeben, sollte die Malaria bekämpfen. Erst mit Gin, dann mit Tonic verdünnt, um die Bitterkeit zu überspielen, ergab sich die Liaison fast von selbst.

Insofern passt auch die Transformation, die sich gerade in Laverstoke in Hampshire vollzieht. Dort, woseit 1724 die Banknoten des British Empire gedruckt wurden, läuft momentan der Probebetrieb für Englands modernste Gin-Destillerie. „Wir versuchen möglichst viel von der Substanz zu erhalten, auch die Fledermaus-Kolonie ist Teil des Projekts“, erläutert Dan Smith den Umbau der Anlage. 45 Minuten von London entfernt, soll die Laverstoke Mill ab August 100.000 Besucher in die Kunst des Gin-Machens einführen.

Die Kunst des Gin-Machens

Technisch gesehen, besteht Gin aus nicht mehr als einem mit Wacholder versetzten neutralen Industrie-Alkohol, der mit Aromaträgern, den so genannten „Botanicals“, gewürzt wird. Die natürlich vorkommenden Stoffe können Samen, Wurzeln, Schalen oder auch Früchte sein. Engelswurz, Koriander, Pfeffer und Süßholz zählen zu den beliebtesten Ingredienzen.

Aber auch Gurke (Hendrick’s) und Preiselbeeren (sie geben dem Monkey 47 sein Gepräge, sind aber nur eines der 47 Botanicals) werden im Alkohol ausgelaugt bzw. mazeriert, wie die Kenner sagen. Bei Premium-Produkten wie „Bombay Sapphire“ wird es etwas komplexer; hier setzt man auf das Verfahren der „Vapour Infusion“, bei dem der Alkoholdampf der Destille die Aromen aus den Botanicals löst. „Zwei Gewächshäuser, eines für die tropischen Zutaten und eines für die mediterranen Kräuter, werden den Besuchern diese Aromenwelt erklären“, so Site Manager Smith.

Ein eigener Gärtner wird sich in Laverstoke um die spektakulär in den Flusslauf „versenkten“ Glashäuser des Designers Thomas Heatherwick kümmern, der auch die neuen roten Londoner Busse entwarf. Während der Führung durch die Destillerie werden auch die Vorlieben der Gäste für bestimmte Geschmäcker erhoben, zehn Botanicals stehen zur Auswahl beim Parcours durch das neue „Bombay Sapphire“ Zentrum. Diese Aromastoffe werden nicht nur in einem Korb gelagert, sondern ähnlich schonend wie bei der Dampfgarung auch ihrer ätherischen Bestandteile beraubt. Das Ergebnis ist ein relativ eleganter Gin.

Gin-Wettbewerb: Most Imaginative Bartenders

Für den Einsatz in der Bar bedeutet das, kein zu intensives Tonic zu verwenden, dann gehen gerade diese zarten Noten verloren. Ein Beispiel, wie man die Aromen in einem Drink erhält, stellt das Rezept des Genter Bartenders Ran van Ongevalle dar. Der Belgier bewarb sich damit für das Finale des „Most Imaginative Bartenders“, dem heuer in London stattgefundenen Wettbewerb um den besten „Bombay“-Cocktail. Heute bilden die beiden Zutaten des Longdrinks Gin-Tonic nämlich die Grundlage für viele Cocktails.

Scent from Heaven - Die Zutaten des Gin-Drinks„Scent from Heaven”: Die Zutaten
40 ml Bombay Sapphire
15 ml selbstgemachter Cordial (Birne, gelber Paprika, Karotte, Grapefruit, eingekocht mit Wasser und Zucker)
10 ml Zitronen-Saft
5 ml Martini Bitters
Eiswürfel
Ginger Ale zum Aufgießen

Den Sieg bei dem Wettbewerb sicherte sich der Franzose Remy Savage mit einer perfekt umgesetzten Hommage an die alte Papiermühle. Der „Paper Anniversary“ verband Gin mit einem Sirup, bei dem der Franzose „den Geruch eines neuen Buchs in Geschmack umsetzte„. Der kräftige Drink wurde mit Vanille, Enzianwurzel und Laphroaig-Whisky („für die hölzerne Note des Papiers“) aromatisiert, „wie zu jedem Drink in meiner Bar“ gab es geräuchertes Salz dazu. Als er dann auch noch die Cocktailgläser mit alten Banknoten, „die noch in Laverstoke hergestellt wurden“, garnierte, war es um die Juroren geschehen. Da darf dann sogar ein Franzose einen Gin-Wettbewerb in England gewinnen.

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Der Autor

Der österreichische Genuss- und Reisejournalist Roland Graf ist seit vielen Jahren im Auftrag der Feinkost unterwegs und schreibt darüber – seit 2013 auch im Gentleman-Blog.



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2 Responses to “Gin and Tonic: Vom Malaria-Mittel zum Gentleman-Getränk”

  1. Nick P. sagt:

    Dank an den Autor für den sehr interessanten Beitrag. Ich trinke gern mal einen Gin and Tonic. Nun werde ich Ihn um so mehr genießen.

  2. Herzlichen Dank für die schöne Ausarbeitung ;) Ich wagte mich eigentlich als großen Gin Tonic Kenner zu bezeichnen, aber hier ist noch einiges was ich noch nicht wusste ;) Danke.

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