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Sep 07

Männerpflege im Soziologen-Blick

Man(n) man sich schoen.

Uncool, affig oder gar tuntig – die Kommentare über Männer, die zur Maniküre gehen, Pflegecremen verwenden oder gar zu Make-up greifen, waren lange wenig schmeichelhaft. Der metrosexuelle Mann der Marke David Beckham mag belächelt worden sein, er stellte soziologisch betrachtet aber einen Wendepunkt dar. Maskulinität und Kosmetik schließen einander nicht mehr aus. Roland Graf über Biker mit Bart-Öl und die Unterschiede zwischen Männerkosmetik und Frauen-Produkten.

Der bärtige Beschützer

Der Mann wird in punkto Pflege unterschätzt„, lautet der Hauptbefund des Berliner Konsum-Soziologen Dr. Ragnar Willer. Seine Beschäftigung mit neuen Männlichkeitsbildern liefert ein überraschendes Ergebnis. Ausgerechnet die plötzlich wieder wild wuchernde Gesichtsbehaarung sei Zeichen eines neuen Pflegebewußtseins: „Der Weg zur Pflege führt bei vielen über den Bart„, so Willer. Er deutet die neue Schnäuzer- und Vollbartkultur auch politisch; ein Reflex auf 9/11 sei sie gewesen, „von Metrosexuellen fühlte man sich da nicht mehr beschützt„.

Mit anderen Worten, das Style-Vorbild ist plötzlich wieder der Großvater. Damit einhergehende Accessoires wie Hosenträger, Hüte oder Gehstöcke vervollständigen eine Art Kaiser Wilhelm-Look, der sich nicht nur auf Kreuzberger Bartender und Schwabinger Rennrad-Werkstätten beschränkt.

Zerfließen der Geschlechtergrenzen

Egal, wie der Bart sprießt, er will auch gepflegt werden: „Der Mann verbringt im Schnitt 26 Minuten am Tag mit Pflege – so viel wie eine berufstätige Frau„, zitiert der Soziologe dazu die „State of Men“-Studie von JWT Intelligence. 500 Amerikaner und 500 Briten wurden darin zu ihrer Einstellung zum Thema Pflege untersucht. Eine steigende Toleranz von Make-up-Produkten ist nur eines der Ergebnisse.

„Liquid Gender“ nennen die Marktforscher dieses Zerfließen der Geschlechtergrenzen. Der „männliche“ Mann von heute mag zwar wirken, als sei er frisch von der Harley gestiegen, verwendet aber doch Bartöl und Trimmschere. Selbst „Guyliner“ oder „Manscara“ zur Augenbetonung lehnten nur zwei von zehn Männern gänzlich ab. Quer durch die Altersschichten hat sich vor allem die Hautpflege durchgesetzt.

Männerhaut ist anders

Männliche Haut ist derber und robuster als die weibliche„. Doch das ist nur die halbe Wahrheit, gibt Lilith Schwertle eine Erklärung für die in der Jugend scheinbar nicht nötige Pflege. Die Chefkosmetikerin des ältesten Bio-Pflegeherstellers Weleda (das seit 1921 bestehende Unternehmen geht auf Ideen des Anthroposophen Rudolf Steiner zurück) hat nämlich auch schlechte Nachrichten: „Männerhaut altert langsamer, dafür aber deutlicher„.

Dazu kommt ein weiterer Aspekt, auf den der Wiener Mediziner Dr. Hugo Kitzinger hinweist: Das fettere und mit Talgdrüsen versehene Männerkinn braucht eine andere Pflege. „Ich bin ja selbst genau meine Zielgruppe“, lacht Wiederherstellungschirurg Kitzinger, der über die Zellnachzüchtung für Schwerverbrannte eine „biomimetische“ Herrenkosmetik-Linie entwickelte. Das in der Zell-Biologie abgeschaute Verfahren ließ ihn auf fetthaltige Cremen verzichten. Als Entzündungshemmer für Rasiercremen setzt er auf natürliches Süßholz – und liegt damit im Trend.

Markt für Männerpflege wächst stetig

Der Mann kauft ein und kocht, er kennt Produkte und hinterfragt – auch bei der Kosmetik„, sieht Ragnar Willer einen Hang zur Ökologie in der Nische Männer-Kosmetik. Offensichtlich hat sich auch das Klischée vom bärtigen Öko gewandelt, jetzt ist er ein ökologischer Bartpfleger.

Die Soziologen-Erklärungen mögen teils theoretisch wirken, die Marktzahlen aber unterstützen sie: Seit 2006 wuchs der Markt für Männerpflege jährlich um 6 Prozent. Schließlich finden sich unter den fünf größten körperlichen „State of Men“-Problemen gleich zwei, die kosmetisch behandelt werden können: Faltenbildung (fürchten 28% der Befragten) und übermäßigen Behaarung (17%). Lediglich die absolute Nummer 1-Problemzone kuriert keine Tinktur – den Bierbauch (40%).

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Der Autor

Der österreichische Genuss- und Reisejournalist Roland Graf ist seit vielen Jahren im Auftrag der Feinkost unterwegs und schreibt darüber – seit 2013 auch im Gentleman-Blog.



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12 Responses to “Männerpflege im Soziologen-Blick”

  1. Sven sagt:

    Ich liebe meinen Bart… Und ja wenn ich darüber nachdenke, kümmere ich mich schon um ihn. Dabei halte ich mich eigentlich für einen sehr rauen und nicht sooooo extrem auf Pflege achtenden Mann. :-) Erwischt

  2. Sascha sagt:

    Hi,

    ich lebe meinen Bart, hahaha :D ne spass beiseite! Einmal nass rassieren und dann wieder 3 tage wachsen lassen. So handhabe ich diese Bartgeschichte!

    Grüße

  3. Ich persönlich trage auch sehr gerne Bart, jedoch hab ich mir noch nie Gedanken der pflege gemacht. Dank diesem Post jetzt schon :-)
    Vielen Dank macht weiter so

  4. Tobias sagt:

    Auch mich lässt das Bart-Thema nicht in Ruhe. Dann lasse ich ihn mal wieder stehen, bis er mir nicht mehr gefällt, dann wird wieder rasiert… Ein ewiger Kreislauf. Aber jedesmal lasse ich ihn länger stehen, weil ich wieder neue Sachen ausprobiere (Halali an die Marktforscher). Irgendwann wird’s ein Vollbart. :-)

    Ein gepflegtes Aussehen hat ja auch nicht zuletzt etwas damit zu tun, wie wohl ich mich in der Öffentlichkeit fühle. Wenn ich mich selbst im Spiegel anschauen kann, fühle ich mich doch gleich viel besser. Vor Falten habe ich allerdings keine Angst ;-)

  5. Mario sagt:

    Das man immer mehr Pflegeprodukte für Männer in den Regalen steht ist nicht abzustreiten. Was mit bei dem Wort Männerpflege in den Sinn kommt ist z.B. die Rasur mit einem klassischen Rasiermesser. Hab mir kürzlich auch erst ein Rasiermesser gekauft und muss sagen: Das hat schon was! Also ich kann es eigentlich nur empfehlen und finde so eine Rasur macht mir auch Spaß.
    Aber eins sei gesagt: Mal schnell schnell morgens den Bart rasieren ist so (für Anfänger) nicht möglich. Dafür hält die Rasur eben auch länger. Vorteil ist auch, dass man so auch lange Bärte direkt rasieren kann was ja mit Wechselklingensystemen nicht der Fall ist. Soviel zu meinem Gentleman-Bart Tipp ;-)

  6. Tim sagt:

    Aufgrund der Schwemme an Bart-Trägern habe ich schon Läden gesehen die Nicht-Bart-Trägern Rabatte geben. Als eine Art „No-Hipster Rabatt“ xD

  7. Falco sagt:

    „Offensichtlich hat sich auch das Klischée vom bärtigen Öko gewandelt, jetzt ist er ein ökologischer Bartpfleger.“

    Das trifft es IMO ziemlich gut. Inzwischen ist die Sache eigentlich zu einer kleinen Wissenschaft für sich geworden, was ich aber auch gar nicht schlimm finde. Es macht eigentlich ziemlichen Spaß sich so in einem Thema zu verlieren :)

  8. Fabian sagt:

    Bärte sind momentan voll im Trend. Vor ein paar Jahren hieß es noch man sei ungepflegt.

  9. Michael sagt:

    Ich finde auch als Mann sollte man auf sein Äußeres achen. Mir persönlich ist es sehr wichtig, das ich gepflegt aussehe. Ich reinige mein Gesicht 2x täglich mit Rosenwasser (verkleinert die Poren – weniger Pickel und Mitesser) und ich wasche mein Gesicht mit Loreal Men Kohle Waschlotion. Zudem hatte ich in meinem Bart einige Lücken, was mich sehr genervt hatte. Aber mit Regaine Minoxidil konnte ich diese Lücken schließen. Ich liebe meinen Bart :-)

  10. Michael.L sagt:

    Ich hatte lange Zeit gar keinen Bart,weil ich es immer nervig fand den zu Rasieren und zu Pflegen,ich glaube jetzt bin ich dem Alter gekommen wo es mir richtig gut gefällt mit Bart,seid einiger Zeit habe ich ihn mir wachsen lassen und ich Pflege ihn jetzt jeden Tag,schneide hier schneide da,weil es soll ja auch gut aussehen.
    Gruß:

  11. Jan K. sagt:

    Da mir eine tägliche Rasur zu viel Zeit in Anspruch nehmen würde, trage ich einen Mehrtagesbart. Ich rasiere mich zweimal die Woche mit einem Haarschneider auf 3mm. Das ist für mich ein optimaler Kompromiss. Zusätzlich verwende ich täglich eine 3-Tages-Bart Creme. So sind meine Barthaare weicher und kratzen bzw. jucken nicht mehr. Vor 10-15 Jahren hätte ich mir das so noch nicht vorstellen können, mich einzucremen.. Insofern kann ich bei mir einen erhöhten Pflegewunsch feststellen. Verglichen mit der Frauenwelt gibt es allerdings noch immer deutlich weniger Auswahl bei den Männerprodukten, was ich eigentlich schade finde.

  12. Dennis S. sagt:

    Es wird absolut unterschätzt, wie viel Pflege für einen tollen Bart nötig ist! Ich stehe morgens gut 15 Minuten nur wegen dem Bart vor dem Spiegel, aber es lohnt sich (Vollbart ca. 30cm) Frauen lieben den Bart. Grüße

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