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Sep 21

Interview mit Bernhard Roetzel

„Über Maßkleidung gibt es viele Klischees, aber nur wenig Fakten“

Bernhard Roetzel im Interview über Maßkleidung

Im Schnitt ist Maßkleidung besser. Die hat allerdings auch ihren Preis. Mode-Experte Bernhard Roetzel, Autor des Buches „Der Gentleman nach Maß“ spricht im Interview mit dem Gentleman-Blog über die Faszination an Maßkleidung, falsche Klischees über Maßanzüge und Billig-Angebote aus dem Internet.

Herr Roetzel, wie kamen Sie dazu ein Buch über Maßkleidung zu schreiben?

Ich glaube, dass viel mehr Männer die Maßschneiderei für sich entdecken würden, wenn sie nur ein bisschen mehr darüber wüssten. Leider verbreiten die meisten Zeitschriften und die einschlägigen Foren im Internet überwiegend Mythen und Klischees darüber und nur wenig Fakten. Mit meinem Buch will ich begeistern und gleichzeitig informieren. Die Bilder, die von dem Berliner Fotografen Erill Fritz exklusiv geschossen wurden, spielen dabei eine wichtige Rolle.

Was ist Maßkleidung eigentlich?

Jede Art von Kleidung, die auf Basis von individuellen Körpermaßen angefertigt wird. Also, alles zwischen dem Anzug vom Schneider bis zur Maßjeans aus dem Internet. In meinem Buch geht es aber um handgemachte Maßkleidung, wie sie Schneider und Hemdenmacher fertigen.

Sie schreiben in Ihrem Buch, es gäbe gute Gründe für einen Maßanzug, rational seien diese allerdings nicht. Welche Gründe sind das?

Warum soll ich mir einen Schrank von einem Tischler anfertigen lassen, wenn ich ihn im Möbelhaus viel billiger bekomme? Maßkleidung ist zweckfrei sinnvoll. Objektiv spricht für Maßkleidung, dass sie im besten Sinne nachhaltig ist. Das gilt für das Ausgangsmaterial, den Stoff. Und für die Art der Fertigung. Das 5-Euro-T-Shirt vom Textildiscounter kann man genauso wenig guten Gewissens kaufen wie das Ei aus der Massentierhaltung. Wenn ich aber was vom selbstständigen Schneider arbeiten lasse, dann entsteht ein würdiges Kleidungsstück unter würdigen Umständen.

Was kann Maßkleidung leisten – und was nicht?

Auch der beste Maßschneider ist kein Verwandlungskünstler. Er kann keine Kilos wegzaubern, den Körper nicht verlängern und die Figur nicht begradigen. Er kann nur dabei helfen, dass man das Beste aus sich macht. Dass Maßkleidung passt, bequem ist und lange hält, ist dabei fast Nebensache. Aber natürlich darf der Kunde das erwarten. Vor allem ist Maßkleidung, die ein Schneider fertigt, extrem individuell. Alle Details können nach Wunsch gestaltet werden, weil der Schneider bei jedem Kunden bei Null anfängt.

Maßkleidung ist kein Produkt für die breite Masse, allein schon des Preises wegen. Wer ist eigentlich die Zielgruppe?

Maßkleidung im weiteren Sinne, also Maßkonfektion, ist heute für sehr viele Menschen erschwinglich geworden. Aber Maßkleidung vom Schneider ist wegen des hohen Zeitaufwands sehr viel teurer. Das leisten sich überwiegend Leute mit einem hohen Einkommen oder Vermögen. Es gibt aber auch den Kunden, der sich jedes Teil vom Munde abspart und dann nur alle drei bis fünf Jahre etwas bestellt. Frauen haben Kleider, Kostüme, Röcke und Blusen früher bei Damenschneiderinnen arbeiten lassen. Allerdings suchten Damen schon im 19. Jahrhundert Herrenschneider auf, um zum Beispiel Reit- oder Jagdbekleidung zu bestellen. Herrenschneider hingegen arbeiten naturgemäß eher selten für Damen. In der Maßkonfektion wächst auch der Anteil weiblicher Kunden, die Businesskleidung fertigen lassen.

Gut Ding will bekanntlich Weile haben. Wie viel Zeit muss man für den gesamten Entstehungsprozess eines Maßanzugs einplanen?

Theoretisch könnten Sie morgens bestellen und abends die erste Anprobe machen. Am nächsten Mittag dann die zweite Probe und am übernächsten Tag könnte der Anzug fertig sein. Doch meistens liegen zwischen Bestellung und erster Anprobe eine oder mehrere Wochen. Bis zur zweiten Anprobe dauert es dann meistens noch einmal so lang und bis zur Fertigstellung ebenfalls. Das hängt sowohl von der Kapazität des Maßschneiders ab als auch vom Zeitplan des Kunden.

Sie haben zu Beginn die Klischees über Maßschneiderei angesprochen. Welche sind das?

Dazu gehört die Unterstellung, dass man ein halbes oder ganzes Jahr auf den Anzug warten muss. Auch wird oft von zahllosen Anproben geschrieben. Das ist alles Unsinn. 90 Prozent der Maßschneider kommen mit zwei Anproben aus, und in der Regel ist der Anzug nach zwei bis drei Monaten fertig. Es sei denn, der Maßschneider ist Einzelkämpfer, der sehr viel zu tun hat.

Was sind die wesentlichen Etappen von der Vermessung bis zum fertigen Maßanzug?

Zuerst spricht man mit dem Schneider darüber, wie der Anzug werden soll. Je genauer die Wünsche formuliert und illustriert werden, desto besser. Erst danach werden Maße genommen, denn der Schneider muss schon zum Beispiel beim Vermessen der Hosenmaße wissen, welchen Look sie haben soll. Dann kommt die erste Anprobe. In Kontinentaleuropa hat die Jacke dabei noch keine Ärmel oder nur einen Ärmel. Das irritiert viele Neulinge. Bei der zweiten Anprobe sind die Ärmel dann aber schon dabei. Danach kann der Anzug in der Regel fertiggestellt werden. Die Anproben sind für den Schneider genauso wichtig wie für den Kunden. Der Schneider sieht dabei vieles, was der Kunde nicht sieht und auch gar nicht verstehen würde.

Die Auswahl des Anzugstoffes kann einen angesichts der vielen Möglichkeiten schnell überfordern. Wie sollte man dabei vorgehen?

Im Idealfall weiß der Kunde genau, was er will. Dann geht es sehr schnell. Ich brauche zum Beispiel oft keine zehn Minuten. Falls ich den Stoff nicht selbst mitbringe. Die meisten Kunden wissen allerdings überhaupt nicht, was sie wollen. Hier wird ein guter Schneider durch Fragen die Auswahl immer mehr einengen, bis der Kunde nur noch zwischen zwei oder drei Stoffen entscheiden muss. Als Kunde muss ich genau meinen Bedarf ermitteln. Ich muss mir nicht dutzende von Farben oder Dessins anschauen, wenn ich einen Anzug für die Vorstandsetage einer Bank suche. Dafür kommen nur Dunkelblau oder Dunkelgrau in Frage und vielleicht zehn bis fünfzehn Dessins und Webarten. Auch das Stoffgewicht lässt sich vorher meistens sehr genau festlegen.

Ein Maßanzug hat seinen Preis. Wie viel Geld sollte man in die Hand nehmen?

Die meisten Schneider in Deutschland oder Österreich nennen einen Preis, der die Arbeit und den Stoff umfasst. In Italien ist es manchmal üblich, dass man über Anfertigungspreise redet, da Kunden oft eigene Stoffe mitbringen. Ein Maßschneider, der die Anzüge ganz allein in seiner Werkstatt näht und keine hohen Mietkosten hat, sollte für einen zweiteiligen Anzug aus einem durchschnittlich guten Super-130-S-Stoff nicht viel mehr als circa 2.500 bis 3.000 Euro verlangen.

Renommierte Ateliers mit mehreren fest angestellten Schneidern und hohen Raumkosten verlangen meistens 4.000 oder 6.000 Euro. Wer immer nur Anzüge aus industrieller Fertigung für 300 Euro trägt, empfindet das als sehr teuer. In so einem Anzug stecken aber rund 60 Stunden Arbeit. Der Stoff macht etwa 300 bis 500 Euro aus, die Zutaten wie Einlagen, Knöpfe und Futter kosten auch noch mal was. Beim Stoff geht es allerdings immer auch günstiger oder sehr viel teurer.

Wenn man Glück hat, findet man einen günstigen Einzelkämpfer, der genauso gut arbeitet wie die Schneider im berühmten, teuren Atelier. Solche Schneider sind übrigens gar nicht so selten. Allerdings behalten viele Kunden ihre Namen für sich.

Und mit welchem Preis sollte man für ein maßgeschneidertes Hemd mindestens rechnen?

Die meisten Maßhemden in Deutschland stammen aus industrieller Fertigung. Maßhemden vom Wäscheschneider sind hier sehr selten. In Österreich findet man sie noch häufiger, vor allem aber in Italien. In Italien gibt es außerdem noch einige wenige Minifabriken, die Maßhemden von Hand herstellen. Beim Wäscheschneider kosten Hemden meist zwischen 180 und 380 Euro. Die industrielle Fertigung ist günstiger und kann auch gute Ergebnisse liefern. Entscheidend ist da vor allem, wie viel Ahnung der Verkäufer hat.

Was halten Sie von den Angeboten, vermeintliche Maßkleidung für vergleichsweise kleines Geld über das Internet bestellen zu können?

Maßkleidung aus dem Versandhandel gibt es schon sehr, sehr lange. Bereits im 19. Jahrhundert konnte man per Bestellformular Maßkonfektion ordern. Ob ich das Bestellformular mit dem Füllfederhalter oder über eine Tastatur ausfülle, macht keinen großen Unterschied. Wenn ich den Kunden richtig dabei anleite, wie er sich zu vermessen hat, dann kann das Ergebnis okay sein. Allerdings sind Billigangebote nie gut, was Stoff und Verarbeitung angehen. Selbst, wenn das Teil passen sollte. Das stört viele aber nicht, weil sie richtige Maßkleidung nicht kennen.

Woran erkenne ich einen guten (Maß-)Schneider?

Jeder kann sich ein Maßband um den Hals hängen und erzählen, dass er der Größte ist. Viele Schneider oder Möchtegern-Schneider tun das auch. Es gibt richtiggehende Scharlatane, die den Kunden vermessen und dann den Anzug bei einer Fabrik bestellen. Die Kunden merken oft gar nicht, dass man ihnen etwas vorgaukelt.

Echte Maßschneider haben eine Werkstatt, die man sich auch ansehen kann. Im besten Fall wird einem ein Schneider empfohlen oder man liest über ihn. Wenn man ihn dann besucht, sollte die Chemie stimmen. Man muss das Gefühl haben, dass einem zugehört wird. Und der Schneider sollte Fragen stellen. Vor allem muss man aber selber genau sagen, was man will. Auch der beste Schneider kann nicht Gedanken lesen.

Was sind Ihrer Meinung nach die fünf renommiertesten europäischen Maßschneider?

Renommiert sind eine Reihe von Firmen in England, Italien, Frankreich, Österreich und Deutschland. Ob zu Recht, das sei dahingestellt. Oftmals werden dort viel zu hohe Preise gefordert, die man am Ende vor allem für den Namen der Firma zahlen muss. Fünf Firmen, die trotz ihrer Preise zu Recht als renommiert gelten dürfen, wären meines Erachtens Anderson & Sheppard in London, Cifonelli in Paris, A. Caraceni in Mailand, Rubinacci in Neapel und Knize in Wien. Ich habe allerdings immer schon den „kleinen“ Schneider bevorzugt, also das Mini-Atelier. Dort ist der Service am persönlichsten.

Was für Möglichkeiten gibt es, wenn ein Maßanzug im Laufe der Jahre Verschleißerscheinungen zeigt oder der Träger mit fortschreitender Lebensdauer an Gewicht und Bauchumfang zunimmt?

Die meisten Maßschneider werden einen Anzug aus ihrer Werkstatt auch noch nach Jahren oder Jahrzehnten gern flicken oder ausbessern. Allerdings nicht immer kostenlos. Es ist zum Beispiel sehr aufwändig, wenn das Futter ausgetauscht werden muss. Auch Änderungen, die durch Figurveränderungen nötig werden, kosten den Schneider viel Zeit. Meistens wird er bei einem Stammkunden aber nichts dafür berechnen. Maßschneider bauen in die Anzüge so viel Stoffreserven ein, dass auch ein angewachsener Bauch wieder Platz findet. Auch schlimme Schäden, wie beispielsweise Risse oder Brandlöcher können behoben werden. Die meisten Schneider haben Anekdoten zu diesem Thema auf Lager. Anscheinend hängen viele reiche Männer so sehr an ihrer Maßkleidung, dass sie manchmal in einem Zeitraum von dreißig Jahren mehrfach das Futter austauschen lassen.

Was kaum jemand weiß: Es gibt neben Maßanzügen und Maßhemden auch Maßkrawatten. Gibt es die Binder nicht bereits in allen erdenklichen Varianten?

In der Tat, das Angebot an Krawatten ist riesig. Die Maßkrawatte wird oftmals von sehr großen, sehr kleinen oder sehr beleibten Herren bestellt. Oder aber von Männern, die einfach Freude daran haben, auch den Binder einzeln anfertigen zu lassen, eventuell sogar passend zu einem bestimmten Hemd oder Anzug.

Auf der einen Seite ist heutzutage eine Casualisierung der Gesellschaft zu beobachten. Auf der anderen Seite tragen Serien-Held Barney Stinson aus „How I met your Mother“ oder der Satiriker Jan Böhmermann fast ausschließlich Anzüge mit Krawatte und werden dadurch zum Trendsetter. Wie schätzen Sie die Entwicklung ein?

Viele junge Männer tragen bei bestimmten Gelegenheiten gern klassische Kleidung. Das ist im Moment vielleicht sogar ein Trend. Die Überzeugungstäter unter den Anzugträgern sind jedoch eine Minderheit und werden es auch in Zukunft sein. Das macht aber nichts und kann auch gar nicht anders sein. Die Mehrheit der Menschen läuft dem von Fernsehen propagierten Modegeschmack nach. Die Minderheit der Wissenden ficht das aber nicht an. Im Gegenteil. Je mehr die Formlosigkeit um sich greift, desto stärker wird sie auf Form achten.

Wie viele Maßanzüge können Sie eigentlich inzwischen Ihr Eigen nennen?

Viel weniger, als die meisten Leser denken. Wenn Sie zum Beispiel im Internet Bilder von mir studieren, werden Sie vielleicht ein halbes Dutzend verschiedene Anzüge zählen. Ein paar mehr habe ich, allerdings nicht sehr viel mehr. Zwischen 2006 und 2011 habe ich keinen einzigen Anzug machen lassen, weil mein Bedarf gedeckt war und ich auch keine Lust mehr hatte, nach London zu fahren. 2007 bin ich nach Berlin gezogen und habe dann 2011 erstmals bei Kathrin Emmer bestellt. Jetzt macht sie gerade den dritten Anzug für mich.

Ein Maßanzug entsteht

Ein Maßanzug entsteht – Bilder: Erill Fritz

Zuletzt konnten wir auf Ihrer Facebook-Seite die Entstehung Ihres neusten Anzuges miterleben. Ich nehme also an, selbst nach all den Jahren, ist ein neuer Anzug immer noch ein Ereignis, oder?

Cover Gentleman nach MassNatürlich! Zumal ich nicht jemand bin, der jedes Jahr sechs oder zehn Anzüge ordert. Solche Kunden brauchen die Schneider natürlich, ich selbst bin eher selten im Atelier zu Gast. Umso mehr Freude habe ich an dem Prozess.

>> Zum Buch „Gentleman nach Maß“

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Typologie der Anzüge: Typisch deutsch, italienisch, englisch & französisch



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6 Responses to “„Über Maßkleidung gibt es viele Klischees, aber nur wenig Fakten“”

  1. Gentleman-Blog sagt:

    Übrigens: Bernhard Roetzel geht mit seinem neuen Buch „Der Gentleman nach Maß“ auf Tour und stellt es persönlich vor.
    – 25.09.14 bei Baron & Earl in Bonn
    – 10.10.14 bei Michael Jondral in Hannover
    – 22.10.14 bei Cove & Co. in Köln
    Beginn ist jeweils um 19 Uhr.
    Weitere Termine werden noch bekanntgegeben.
    Der Gentleman-Blog wünscht viel Vergnügen!

  2. Christoph sagt:

    Ein sehr ausführliches Interview, super informativ. Weiter so!

  3. Da spricht mir einer aus dem Herzen!

  4. Matthias sagt:

    Echt informatives Interview. Es hat Spass bereitet es zu lesen. Ich ziehe auch sehr gerne Masshemden an. Ein Massanzug darf natürlich bei mir im Beruf auch nicht fehlen. Ich mag den Style sehr und man fühlt sich darin sehr sehr gut.

  5. Patrik sagt:

    Als Business Fotograf habe ich es bemerkt das die Kleidung natürlich sehr viel ausmacht wie die Bilder hinterher dann aussehen. Habt ihr schon mal was von Anti-Paparazzi-Kleidung gehört? Bisher habe noch keine Erfahrung damit gemacht.Bin aber gespannt darauf jemand mal damit fotografieren zu können.

  6. Sasha sagt:

    Meine Maßanzüge lasse ich alle in Prag machen. Prager Maßschneiderei ist seit 300 Jahren ein Begriff. Schon mein Großvater ließ dort fertigen. Allerdings wird man schon komisch angeschaut von den vielen Leuten im Dreistreifen-Jogger. Feiner Pinkel vs. Pöbel. Hab deswegen den Hauring immer dabei.

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