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Dez 18

Erfolgsgeheimnis im Job: Professionalität statt Authentizität

Piloten sind stets professionell

Berater Dr. Stefan Wachtel bereitet Politiker und Spitzenmanager auf öffentliche Auftritte vor. Zudem hat er früher Piloten gecoacht. Im Gentleman-Blog zeigt er, was ein jeder von den Männern und Frauen im Cockpit lernen kann, um im Business einen überzeugenden Auftritt hinzulegen. Nicht Authentizität ist der Schlüssel zum Erfolg, sondern Professionalität.

Was wir von Piloten lernen können

Flugzeugabstürze gibt es nicht etwa nur, weil Piloten ihren Job nicht gut machen, das kommt auch vor, ganz selten. Flugzeugabstürze gibt es, weil Fahrwerke nicht ausfahren, Instrumente versagen oder Vögel in Triebwerke geraten. Warum sind Flugzeugabstürze, auch wenn sie so gern in Büchern vorkommen, so selten – und werden immer seltener? Der Grund ist: Ausbildung und Standards der Piloten sind inzwischen weltweit auf einem einzigartigen Niveau. Vielleicht sind Piloten die professionellste Berufsgruppe, die es je gab. Sie nehmen wenig Authentisches mit an den Arbeitsplatz.

1. Sprechen Sie nicht jede Wahrheit aus!

Die Bordansagen-Seminare begannen pünktlich um 9:27 Uhr auf der Basis in Frankfurt: alle paar Tage etwa sieben Flugzeugführer, ein Raum, darin Cockpit und Kabine mit scheinbar echten Geräuschen, mehrere Mikrofone. Noch einmal der Cartoon mit dem Koch, der aus der Flugzeugkombüse kommt und kleinlaut sagt: „Mir ist heute nicht nach Kochen zumute.“ Die Passagierpiloten hatten den Cartoon auch deshalb an die Wand gehängt, weil sie niemand je fragen wird, ob ihnen nach Fliegen zumute ist. Nichts in ihrem Job ist authentisch. Gott sei Dank, wir sind nicht davon abhängig, welche individuellen authentischen „Flugstile“ sie haben: Sie befolgen Regeln, sie spielen Rollen. Flugzeugführerin und Flugzeugführer, das ist der Prototyp des Nicht-Authentischen, 100 Prozent Norm, pure Professionalität. Präzision ist alles, individuelle Umstände – „Ich stand im Stau.“ – dürfen nicht vorkommen. Das Prinzip der Piloten heißt: nichts Individuelles. Departure 9:27.

Ich habe kaum je wieder so viel Professionalität in einer so guten Mischung erlebt. Dabei sind Piloten keineswegs stromlinienförmig: Sie malen, tanzen, komponieren, dichten und fotografieren privat. Aber im entscheidenden Moment führen sie eine Arbeit aus, die nicht durch falsche Authentizität gestört wird. Das Ansagen-Training für Piloten ging über drei Jahre, vielleicht hundert Tage. Wir haben mit fünf Coaches wieder und wieder Situationen durchgespielt und ihre rhetorische Form gesucht. Geschult haben wir 3.200 Profis mit je drei Statements:

1. Freundliche Worte mit Zugang zu Menschen, die man nicht sieht und die ganz nah und trotzdem in einer ganz anderen Lage sind.
2. Extrem einfache Information über technische Details.
3. Beruhigung und Ermutigung in kritischer, jetzt gemeinsamer, Lage.

Aus diesem Training kristallisierten sich wiederkehrende Prinzipien heraus, die für alle gelten, die in einem riskanten Umfeld sprechen – also für alle im modernen Business. Das erste Prinzip hoch professionalisierter Berufe heißt: Es ist oft ganz und gar unverantwortlich, vollkommen authentisch zu sein, weil das verheerende Wirkungen hätte. Im Flugzeug hätte es in der Passagierkabine verheerende Wirkungen. Passagierpiloten wissen, dass es ganz und gar unverantwortlich ist, „authentisch“ die Wahrheit zu sagen. Daraus könnten wir lernen, auch wenn es uns schwerfällt. Bedenken wir, dass selbst Topmanager, die nicht zuletzt für ihre Professionalität bezahlt werden, Probleme damit haben.

Wir alle führen oft genug das Herz auf der Zunge. Gefährlich wird das, wenn die Verantwortung steigt. Wir richten dann großen Schaden an, wenn wir Wahrheiten aussprechen, die besser ungesagt blieben. Von Pilotenansagen können Sie lernen – und von ihren Gott sei Dank seltenen Fehlern.

Noch einmal zurück zu den Passagierpiloten, diesmal auf das Rollfeld: Zürich, an einem Dezembertag, ein fast klassisches Beispiel aus der Pilotenwelt. Am Nachmittag begann es zu schneien, der Flughafen wurde gesperrt. Alles, was nach Deutschland wollte, versammelte sich in der Lounge. Es ist normalerweise ein Ort, an dem es stilvoll zugeht, an jenem Tag aber sah es aus wie auf einer Dorfkirmes: Erdnüsse flogen, Alkohol floss reichlich. Es dauerte dann bis halb zehn, bis ich im Flugzeug saß. Wir hörten die Stimme des Kopiloten, ein junger Mann offenbar, etwas unsicher: „Meine Damen und Herren, wir haben gerade die Starterlaubnis bekommen, aber auf Ihrem Ticket steht Sicherheit, darauf haben Sie ein Anrecht. Wir haben starken Rückenwind, das macht uns Probleme. Rückenwind ist gefährlich, wie gesagt, vom Tower aus könnten wir starten, aber wir wollen kein Risiko eingehen, Rückenwind ist gefährlich. Wir werden also jetzt wenden, und dann versuchen wir es von der anderen Seite der Landebahn noch mal.“ Was war geschehen? Der Flugzeugführer hatte die Wahrheit gesagt, gut gemeint, nicht durchdacht, von niemandem kritisiert.

Es waren aber Wahrheiten, die uns nicht hätten zu Ohren kommen sollen, zumindest nicht in dieser Form. Wir wollen als Passagier in dieser Situation einfach nicht erfahren, dass es ein „Problem“ gibt, dass etwas mit „Risiko“ verbunden ist, dass es „gefährlich“ ist und dass die beiden da vorn irgendetwas „versuchen“, wo wir doch wissen, dass Versuche regelmäßig scheitern.

Die strikte Professionalität des Piloten erstreckte sich nicht auf den persönlichen Auftritt. Schon Voltaire sagte: „Alles Gesagte sollte wahr sein. Aber nicht alles, was wahr ist, sollte gesagt werden.“ Merken wir uns das.

2. Fallen Sie nicht mit der Tür ins Haus!

Wir haben ein Triebwerk verloren.“ Ein solcher Satz zählt zu den beängstigendsten, die man sich denken kann. Schlimmer kann es nicht kommen. Der Pilot, der ihn aussprach, wusste nicht, in welchem Film er spielt: Er sprach – ganz authentisch, wie es aus ihm herauskam – zu Passagieren wie zu seinem Kopiloten, er verkündete im authentischen Reflex eine Wahrheit, die aber – außer die beiden im Cockpit – niemanden etwas anging.

Zumutbar ist der Satz nicht, ganz sicher nicht als erster Satz einer Durchsage. Für die Piloten ist der Umstand zu verkraften. Sie wissen, dass sie weitere Triebwerke haben. Für die Passagiere sieht es anders aus. Ist der Horror erst einmal ausgesprochen, gibt es kaum Chancen für die Relativierung. Es fehlt der Zugang zum Hörer.

Die schlechte Nachricht will deshalb eingeleitet sein. Das zeigen zahllose Beispiele. Auch hier ist der nicht authentische Pilot besser, der sich Passenderes überlegt: „Meine Damen und Herren, Sie haben es gemerkt, es ist links etwas ruhiger geworden. Wir haben hier ganz strenge Bestimmungen. Wenn es kleinste Veränderungen gibt, müssen wir etwas langsamer fliegen. Wir haben das linke Triebwerk gedrosselt. Dieses Flugzeug hat mehrere Triebwerke, gar kein Problem. Sollte unser Flug etwas länger dauern, melde ich mich noch einmal.“ Oder: „Liebe Gäste, hier spricht Ihr Kapitän. Wie Sie vielleicht bemerkt haben, haben sich die Triebwerksgeräusche in unserem Flugzeug verändert. Wir haben eines unserer Triebwerke aus Sicherheitsgründen gedrosselt. Wir fliegen jetzt etwas langsamer. Es könnte sein, dass sich unsere Ankunft dadurch etwas nach hinten verschiebt. Ich werde mich noch einmal melden.

Beispiele auf unser Berufsleben übertragbar

Die Welt der Piloten bietet eine Fülle von Beispielen, die wir allesamt auf unser Berufsleben übertragen können, angefangen beim Normalfall: Ein Flugzeug ist nicht rechtzeitig da, das Boarding beginnt später, man sitzt in der Maschine und eine Stimme meldet sich: „Meine Damen und Herren, ein paar Worte aus dem Cockpit. Die Maschine war nicht rechtzeitig da. Sie musste noch gereinigt werden.“ Das ist eine Feststellung der Tatsachen, sonst nichts, nicht die Spur einer Entschuldigung. Die erwarte ich aber, denn es gehört zu meinem Vertrag mit der Airline, dass zum vereinbarten Zeitpunkt ein Flugzeug bereitsteht. Sei nicht authentisch! Das steht im Arbeitsvertrag, letztlich bei uns allen.

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Der Autor

SEI NICHT AUTHENTISCH BuchcoverDieser Text ist ein Auszug aus dem Buch Sei nicht authentisch! von Dr. Stefan Wachtel, einer der renommiertesten Coaches Deutschlands. Als Mitglied der Beratungsagentur ExpertExecutive bereitet er Spitzenmanager und andere exponierten Personen wie Politiker, Fußballbundesliga-Trainer, TV- Moderatoren und Piloten auf Auftritte vor. Zudem ist er Kolumnist bei verschiedenen Zeitungen und Experte im TV, u. a. bei Bundestagswahlen.



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7 Responses to “Erfolgsgeheimnis im Job: Professionalität statt Authentizität”

  1. Silvio Meile sagt:

    Mir ist nach der Lektüre des Artikels nicht klar, welches Ziel der Autor verfolgt. Zweifelsohne nicht das, die Verdrossenheit mit politischen und wirtschaftlichen Eliten aufzuheben. Ich wünsche mir bei einem Menschen, dass er sagt, was er denkt, und denkt, was er sagt. Eine aufgeklärten Gesellschaft sollte ein größeres Maß an Wahrheit vertragen…

  2. Christian sagt:

    Dass wir in Situationen geraten können, in denen Reden Silber und Schweigen Gold ist, können wir nicht vermeiden. Ob wir dann schweigen oder doch lieber sagen, was wir denken, müssen wir unseren Werten gemäß entscheiden. Unseren Werten gemäß zu entscheiden, das ist für mich Authentizität – so sein, wie man eben ist. Ich meine, dass der Autor für die alte Lebensregel „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“ einen unpassenden und leider irreführenden Begriff gewählt hat. Zur Professionalität gehört nach meiner Ansicht auch die Authentizität. Im Übrigen lässt sich das Beispiel der Piloten nur schwer auf das „moderne Business“ ünertragen, weil Passagiere und Piloten nicht so viel Kontakt miteinander haben wie bspw. Geschäftspartner, die sich zu Verhandlungen treffen. Hier zählen dann wieder Auftreten, Körpersprache, die Übereinstimmung zwischen dem, was wir sagen (oder auch nicht), und der Art, wie wir auftreten – also wieder Authentizität.

  3. Zu Silvio möchte ich sagen: Ja: Unbedingt! Sie haben Recht, Aber wie viele Wahrheiten, es gibt ja so viele, die Mitstreiter im Job wissen müssen, ist vom Job abhängig. Evtl. haben Sie einen, in dem Sie alle Wahrheiten sagen können, die Sie auf der Zunge haben. Das ist schön. In meinem Buch warne ich nur davor, dem Missverständnis aufzusetzen, man könne in Executive Jobs „immer so sein wie man ist.“ Meine Klienten können das nicht, und es wird einem in Buchtiteln und Seminaren eingeredet, das ginge. Der Buchtitel „Sei nicht authentisch“ ist eine überzogene Metapher dagegen.

    Zu Christian; Ja! unbedingt! Zur Professionalität gehört unbedingt Authentizität, aber eine professionelle. Der Buchtitel „Sei nicht authentisch“ ist eine überzogene Metapher gegen das Klischee, dass einer allein „die Wahrheit“ sagen kann was ich auch immer anrichtet, und hinterher, wenn es ein Problem gibt, sagt: Aber wenigstens wars authentisch!

    Ich würde gern mit Ihnen und allen Weiteren im Gespräch bleiben . auch wenn es im Buch ein Kapitelchen gibt, das heisst: „Social Media machen nicht authentisch!“

  4. Michael sagt:

    „Dabei sind Piloten keineswegs stromlinienförmig: Sie malen, tanzen, komponieren, dichten…“

    An dieser Stelle musste ich herzlich lachen. Was für rebellische Freizeitbeschäftigungen! Bei einem Artikel, der FDP-Wähler ansprechen will, aber offenbar keine Satire.

  5. Wolfgang sagt:

    … Professionalität bedeutet auch Austauschbarkeit im Sinne von „jederzeit ersetzbar“ …

  6. Mr. Moore sagt:

    Der Todespilot der German Wings Maschine war nicht professionell, sondern leider authetisch. Tief traurig.

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