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Mrz 22

Promi-Berater Dr. Stefen Wachtel im Interview

„Authentisch sein ist gefährlich“

Stefan Wachtel im Interview ueber Authentizitaet

Foto: Etienne Fuchs

Als „authentisch“ bezeichnet zu werden, gilt gemeinhin als großes Kompliment. Hier und dort wird gefordert, die Menschen sollten doch bitteschön häufiger authentisch sein. Dr. Stefan Wachtel sieht das kritisch. Seine These: Es geht nicht darum, authentisch zu sein, sondern authentisch zu wirken. Im Interview mit den Gentleman-Blog spricht der Autor des Buches „Sei nicht authentisch“ und Berater von Top-Managern, Politikern und Fernsehstars über die Gefahren der Authentizität. Zudem verrät er, wie wir es schaffen, authentisch und professionell zugleich zu sein.

Herr Wachtel, haben Sie etwas gegen Authentizität?

Nein. Ich habe aber etwas dagegen, wenn es als Allheilmittel gefeiert wird, um im Privat- und Berufsleben erfolgreich zu sein. Authentizität kann nämlich sehr gefährlich sein. Spontane und unbedachte Aussagen können nach hinten losgehen. Das gilt vor allem für Politiker und Wirtschaftsbosse, aber im Prinzip für jeden von uns, zum Beispiel in einem Job-Interview, im Verkaufsgespräch oder beim Flirten.

Zu was raten Sie also?

Zu Professionalität! Es kommt darauf an, die Rolle einzunehmen, die in der jeweiligen Situation angemessen ist.

So wie ein Schauspieler?

Ja, gewissermaßen. Ein guter Schauspieler darf niemals authentisch sein, aber es muss zwingend authentisch wirken. Er muss die Rolle verkörpern, die der Film für ihn vorsieht. Mal spielt man einen Verliebten, mal einen Depressiven und mal einen Verbrecher. Der Zuschauer soll ihm die Rolle abnehmen. Das ist Rolle pur, das ist nichts fürs Leben. Ich meine etwas Anderes.

Heißt das, dass wir alle mehr schauspielern sollen?

Jein. Zu allererst sollten uns unsere Rolle und unsere Verantwortung bewusst werden und entsprechend handeln. Das heißt aber nicht unbedingt, dass man sich verstellen muss, schließlich handeln und benehmen sich Menschen je nach Situation unterschiedlich, ohne dass daraus ein Vorwurf gemacht wird, nicht authentisch zu sein. Als Familienvater im Urlaub handelt und gibt man sich anders als in der Kneipe mit seinen Freunden oder als Führungskraft im Job.

Wo sind die Grenzen?

Es ist umso leichter, die uns zugedachte Rolle auszufüllen, je näher sie unserer wirklichen – authentischen – inneren Überzeugung ist. Wenn man etwas vertreten muss, von dem man überhaupt nicht überzeugt ist, fällt das deutlich schwerer. Dann sollten wir es lassen.

In Ihrem Buch „Sei nicht authentisch“ räumen Sie mit Klischees auf, die es über das Authentischsein gibt. Eines lautet: „Authentisch sein ist ehrlich.“

Nur weil Menschen so sind wie sie sind, müssen sie deswegen nicht anständiger sein als andere. Im Gegenteil, nicht wenige gleiten in Narzissmus ab, das Beharren auf dem puren Selbst ist nicht selten gefährlich. Die Welt wäre daher sicher nicht besser, wenn es mehr authentische Menschen gäbe. Authentisch ist – vielleicht – der Dalai Lama. Aber auf seine Weise war es auch Osama Bin Laden. Ist Benjamin Netanjahu authentisch? Ahmadinedschad? Wir kennen genug authentische Menschen, jene, die offen sagen, was sie denken. Besser wäre die Welt nicht unbedingt, denn authentisch sind das Gute und das Böse gleichermaßen, leider oft zu sehr.

Ein anderes Klischee besagt, dass Authentischsein das Leben leicht macht.

Auch das sehe ich anders. Lügen haben zwar kurze Beine, aber wer deswegen immer alles geradeheraus sagt, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, wird häufig anecken. Das deutet auf wenig soziale Kompetenz hin. Es gibt genug Zeitgenossen, die authentisch sind, aber mit ihrem Leben ständig in Konflikt geraten. Es gibt Situationen, wo einem das Gespielte das Leben einfacher machen kann.

Zum Beispiel?

Viele Menschen fürchten sich davor, vor einer Gruppe zu sprechen. Wir haben vor allem deshalb Angst vor solch einem Auftritt, weil wir fürchten, dass man uns sieht, wie wir sind: authentisch. Jeder hat sein Päckchen zu tragen, wir nehmen uns überallhin mit, Ängste, Verletzungen, schreckliche Erfahrungen mit Blackouts, die leidigen Vergleiche, nach denen dieser oder jene es besser machen würde. Wir fühlen uns beobachtet. Genau dieses Päckchen macht uns im Moment des Auftritts authentisch, schutzlos und oft erfolglos. Mein Rat: Spielen Sie jemanden, der einen Auftritt hat. Die Angst bleibt nur so lange, bis wir die Erfahrung machen, dass ein nicht authentischer aber professioneller Auftritt – der authentisch scheint – nicht mit persönlichen Problemen beladen ist.

Viele Politiker lehnen Imageberatung, Rhetorikkurse und Co. ab, weil sie authentisch bleiben möchten.

…und nach der nächsten Wahl wundern sie sich, dass sie nicht wiedergewählt wurden. Leute wie Bill Clinton und Barack Obama sind keine rhetorischen Naturtalente. Sie haben dafür jahrelang trainiert. Fast alle Menschen wollen erfolgreich sein, angesehen, attraktiv. Man soll uns gern zuhören, wenn wir anfangen zu sprechen, und nicht genervt wegschauen. Man soll uns in der Masse erkennen, uns wertschätzen. Das alles geht nicht, ohne an uns und unserem Auftreten zu arbeiten. Man muss Taktiken erlernen, man muss sich einen Plan machen, man muss sich in bestimmten Situationen von dem entfernen, was authentisch ist. Aber das ist oft schwer vermittelbar.

Buchtipp:
Sei nicht authentisch!: Warum klug manchmal besser ist als echt

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6 Responses to “„Authentisch sein ist gefährlich“”

  1. Roger Kanzenbach sagt:

    Ein sehr guter Beitrag, dem ich zustimme.

  2. Ist eine Denkpause wert über seine Worte nachzudenken.

  3. Kleiner sagt:

    „Lügen haben zwar kurze Beine, aber wer deswegen immer alles geradeheraus sagt, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, wird häufig anecken. Das deutet auf wenig soziale Kompetenz hin.“

    Sind einem solche Menschen aber häufig nicht lieber, weil sie einem offen und direkt mal die Wahrheit ins Gesicht sagen? Wünschen wir uns nicht alle mal einen Politiker der so etwas tun würde?

  4. Im Rückschluss leben in einer Scheinwelt…
    Ich denke, dass Dr. Wachtel eine falsche Wahrheit hier propagiert. Der durchschnittliche Mann/Mensch braucht seine Authentizität. Sich wie Politiker, Darsteller oder Top-Manager verhalten zu wollen, ist nicht erforderlich im „normalen“ Leben. Es bedarf keiner manipulativen Art, um glücklich und anerkannt zu werden. Wenn wir alle so handeln würden, wäre die Welt noch schlechter und plastischer, als sie schon zu sein scheint. Woher ich das weiß?
    Ich kenne beide Welten, ich habe früher so gelebt und hatte Erfolge nach aussen hin. Heute lebe ich frei und unabhängig, von solchen erzeugten Verhaltensweisen. Und heute bin ich glücklich!

  5. Tommy sagt:

    Mir ist ein Mensch lieber, der offen und direkt mir seine Meinung ins Gesicht sagt, als dass es hinter meinem Rücken geschieht. Wie soll man denn bitte etwas an sich ändern, wenn unangenehme Dinge nicht angesprochen werden?

  6. […] richtigen Weg. Der Berater Stefan Wachtel zum Beispiel sieht darin sogar eine Gefahr. In einem Interview mit dem Gentleman-Blog […]

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