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Apr 01

Schuld & Bühne – vom Malheur und dem Gentlemen’s Agreement

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»Da ist doch dem alten Straßenköter glatt mal was passiert«, solch’ ein elegantes Reframing (Umdeuten) findet nicht (nur) bei Psychologen-Kongressen statt, sondern vor allem im „normalen“ Alltag. Erfolgscoach Patrizia Becker verrät im Gentleman-Blog, wie Sie richtig mit einem Dilemma umgehen.

Ein kleiner Fauxpas, ein mittelgroßes Malheur oder auch ein Riesen-Drama haben eines gemeinsam: Sie stellen eine Unterbrechung im gewohnten Ablauf dar – und verändern schlagartig den Status, also die bisherige Ordnung. Das kann mitunter witzig sein, wenn es sich dabei nur um eine Momentaufnahme handelt ohne große Folgen – „Slapstick“ eben. Ernster wird es dagegen schon, wenn das Lebensgefüge anderer direkt betroffen ist, weil eine Aktion ihre Welt buchstäblich aus den Angeln hebt und sie ziemlich schlecht dabei aussehen lässt. Befindet man sich selbst im Epizentrum des Geschehens, sollte man besser wissen, wie man mit der Situation umgeht… 

Slapstick/Fauxpas – das „saublöde“ Malheur

Früher: Im Mittelpunkt ein Trottel. Aber liebenswert. Stolpert über die Teppichkante und bekommt die Prinzessin am Ende trotzdem, weil aus dem Nichts eine gute, aber betagte Seele auftaucht und alles mit der Weisheit eines lebenserfahrenen Herzens richtet.

Heute: Ein telegener Intelligenzbolzen mit einem IQ von mindestens 120. Und Sixpack. Wird in seiner guten Absicht ständig missverstanden. Schüttet den Rotwein beim Entkorken über die neue Bekanntschaft seines Mitbewohners und erntet dafür von Letztgenanntem einen ziemlich stadt-neurotischen Abrieb, aber auch die emotionale Zuwendung des aufgebrezelten Opfers. Auftauchen muss da weiter niemand, es sei denn, um dem Chaos zusätzlichen „spin“ zu geben…

Real Life: Schütten Sie Ihrer Nachbarin Rotwein über’s Kleid, wird wohl niemand lachen. Es sei denn, die Party ist schon sehr weit fortgeschritten… Am besten ist es dann, Sie bieten neben einer Serviette auch die Übernahme der Reinigungskosten an. Spielt das Ganze in gehobenem Ambiente, empfiehlt es sich darüber hinaus, die Wiedergutmachung mit dem nachträglichen Versand von Blumen inklusive einer handgeschriebenen Karte zu bekräftigen. Achtung: Schreiten Sie bloß nicht selbst zur Tat und tupfen eifrig mit der Serviette an Ihrem Opfer herum. Auch bedauernde Worte über das „schöne Kleid“ sind hier fehl am Platz. Ist die Dame mit Begleitung erschienen, beziehen Sie diese am besten mit einer kurzen Entschuldigung mit in das Gespräch ein. Sollten Sie sich für die Blumen-Variante entscheiden, lassen Sie es nicht wie die willkommene Gelegenheit zur Anmache aussehen.

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Selbstbewusst mit einem Fauxpas umzugehen, bedeutet auch, aus der Rolle als „Verursacher“ wieder herauszufinden: Übertriebenes, fast bittstellerisches Verhalten ist keine Lösung, sondern zieht nur unnötig die Aufmerksamkeit auf das Malheur. Rufen Sie sich stattdessen den Anlass Ihres Treffens ins Gedächtnis. Genau dort sollte der Akzent auch bleiben.

Drama – Nichts, was sich in 5 Minuten gutmachen lässt

Früher: Ein Gast hat bei der Party über den Durst getrunken. Jetzt wankt er in der Maisonette-Wohnung des Gastgebers die Treppe herunter und meckert über dessen Kunst-Sammlung. Immerhin erkennt er noch, was auf den Bildern dargestellt ist. Sein Lallen offenbart den peinlich berührten Zuhörern einen „etwas verkürzten“ Begriff der Malerei. Betretenes Schweigen. Verstohlene Blicke. Getuschel. Und dann wieder Schweigen. Einer der Anwesenden, der sich aufgrund seiner Rolle innerlich zur Deeskalation verpflichtet fühlt, manövriert den unfreiwilligen Mittelpunkt der Party schließlich nach Hause. Zuerst unauffällig, um ihn nicht zusätzlich bloßzustellen. Als das nicht klappt, schnell und mit rüdem Kommando. Besagter hat das, was man heute „personale Autorität“ nennt. In jedem Fall einer, der weiß, wo’s lang geht. Es existiert ein gemeinsamer Konsens: das „Gentlemen’s Agreement“.

Heute: Ein Film auf youtube. Weiß der Kuckuck wie der dahinkommt. Es wird etwas einsam um den einstigen Sympathieträger. Je nach Bekanntheitsgrad steigt die Anzahl der Suchergebnisse auf Google – mit hochinteressanten Wortketten. Eine Firma wird beauftragt, den Kram aus dem Netz zu ziehen. Ein Anwalt nimmt sich der Sache an, da diese Veranstaltung nicht öffentlich war. Vielleicht verfasst auch ein Mitarbeiter oder eine Verflossene eine Rache-Literatur: trivial, aber dummerweise mit „catchy“ Titel für den „Gossip“. Die Anzahl der Follower und „Friends“ im Netz steigt sprunghaft.

Real Life: Eilig getippte Kürzel-Botschaften. Emojis, die Entsetzen transportieren. Es wurde ein Handy-Video verbreitet. Dort ist zu sehen, was man früher noch in einem Gespräch unter vier Augen regelte. Wenn jetzt alle negativen Einflüsse zusammenkommen, geht das Ganze „viral“ oder als „Flurfunk“ über die sozialen Netzwerke mit vielen Kommentaren in Wort und Bild – von Leuten mit und ohne „Namen und Gesicht“. Die Selbstgerechtigkeit feiert auf dem digitalen Marktplatz alle Wissenden und Unbeteiligten.

Der feine Unterschied: Drama vs. Malheur

Das „Drama“ unterscheidet sich vom „Malheur“ dadurch, das es das Potential hat, ein Leben radikal zu verändern oder sogar zu zerbrechen. Der Auslöser ist beispielsweise ein extrem aggressives oder verantwortungsloses Verhalten. Das kann der lautstarke Ausraster im Club sein, bei dem der unerwünschte Hobby-Filmer sein Handy einbüßt, die falsche Beschuldigung eines Kollegens, der selbst verschuldete Auto-Unfall oder auch die degradierende Bloßstellung einer Person durch unsensibles Reden oder Verhalten.

Mit einem etwas besseren „Sorry“ ist es in diesem Fall nicht getan – der Schaden hat seine eigene Bühne bekommen, unfreiwillige Hauptdarsteller sind die Geschädigten. Als wäre das nicht schon ausreichend, scheint das Ganze auch noch das Zeug zum Klassiker zu haben…

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Wie Sie Gentleman-Qualitäten beweisen

Die stilvolle Lösung einer solchen Situation zählt zu den größten Herausforderungen im Leben eines Gentlemans: Schließlich geht es darum, gleichzeitig Gesicht zu zeigen und zu wahren – das eigene und das der anderen. Ein simpler Leitgedanke führt zu einer Entschuldigung mit Grandezza: Angebracht ist sie dort, wo auch der Fehler passiert ist. Also vor genau diesem Publikum.

Im Falle unseres „angeheiterten Kunstkritikers“ könnte das zum Beispiel ein Anruf beim Gastgeber sein, je nach Situation auch ein Schreiben und zwar eines, welches die Dinge deutlich beim Namen nennt, aber auf sämtliche Querverweise zu anderen „Schuldigen“ verzichtet. Je nachdem, was bei dieser Party so „zu Bruch“ gegangen ist, wäre es auch angemessen, sich mit anderen Gästen in Verbindung zu setzen und die Dinge ins rechte Licht zu rücken. In jedem Fall sollte der Gastgeber eine nachträgliche Würdigung erfahren, so beispielsweise für das erstklassige Buffet oder die hervorragende Organisation des Ganzen. Im Falle einer Entschuldigung bei anderen Gästen sollte ebenso der Gastgeber informiert werden. Eine seriöse Entschuldigung beinhaltet das Bemühen um die Vermeidung weiterer Fehler. Ist diese Absicht nicht erkennbar, wird die Entschuldigung im Nachhinein entwertet und damit auch die eigene Glaubwürdigkeit.

Die Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen, bedeutet stattdessen, den Vorhang zum „zweiten Akt“ aufzuziehen und selbst die Regie zu übernehmen. Ein Gentleman, der die Verantwortung für die von ihm erzeugte Situation übernimmt, beweist innere Größe: Schließlich stellt er das Ansehen der Geschädigten wieder her, wendet Schaden von einem Amt oder einer Gruppe von Menschen ab. Ich habe immer wieder gesehen, dass dieses Verhalten honoriert wird. Als vertrauensbildende Maßnahme wirkt es auch dem eigenen Gesichtsverlust deutlich entgegen und schafft zusätzlich Sympathien: In welche Bereiche entfaltet der Fehltritt seine negative Ausstrahlung? Dort mit entwaffnender Offenheit die Karten auf den Tisch zu legen – ohne „kriecherisch“ zu wirken – das zeigt Klasse.

Stil im Umgang mit sich selbst bedeutet außerdem, sich in aller Ruhe noch mal den Ablauf zu Gemüte zu führen: Wo sind die „Trigger“, die zum Kontrollverlust führen? Ist es ein bestimmter Gedanke, der mich die gesunde Grenze überschreiten lässt? Vielleicht sind es auch bestimmte Momente oder ein spezielles Umfeld, in dem ich dazu neige, mich gehen zu lassen? Innerer Druck und Zorn haben absolute Treiber-Qualitäten…

Ach – und noch etwas: Sollten Sie einmal aus Versehen über die Teppichkante stolpern, zeigen Sie sich von ihrer schlagfertigen Seite und setzen Sie ein breites Lächeln auf. Ihre situative Coolness wird den kleinen Fauxpas im Handumdrehen wieder richten.

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Über die Autorin

UnbenanntPatrizia Becker von Erfolg mit Stil berät Unternehmen und Entscheider mit psychologischem Fingerspitzengefühl in Sachen Auftritt und Kundengewinnung. Ihre Passion: Die Optimierung erfolgskritischer Abläufe und strategischer Hotspots. Im Gentleman-Blog schreibt sie über Motivation, Selbstverwirklichung und Krisenmanagement.



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One Response to “Schuld & Bühne – vom Malheur und dem Gentlemen’s Agreement”

  1. Albrecht sagt:

    Lustig und Traurig zu gleich wie sich das ganze gewandelt hat. Mir ist da bei allem die Variante lieber da wo es noch mit mehr Menschlichkeit an vieles ging. Wo man auch mal ein Düsbadel sein durfte ohne gleich ein Gespött zu sein. Wo es nicht gleich im Internet veröffentlicht wurde um es allen zu zeigen was passierte oder ähnliches. Die Technik ist halt Fluch und Segen zu gleich und lässt einige Menschen vor allem die ohne Gesicht und Namen ganz groß werden ob wohl sie ansonsten sehr klein mit Hut sind. Wahre Gentlemen gibt es nur noch wenige auf der Welt und ich bin froh das es noch welche gibt und bin der festen Überzeugung das die Zeit der Gentlemens wieder kommen wird :)

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