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Apr 19

„Formen Sie aus Brot keine Kügelchen!“ – Tischsitten heute & damals

tischmanieren

Nur wenige Gewohnheiten des gemeinschaftlichen Lebens haben sich im Lauf der Jahrhunderte so wenig geändert wie die Sitten bei Tisch. Umso mehr lohnt es sich, in diesen Dingen gelegentlich Rat und Inspiration bei Benimmratgebern früherer Epochen zu suchen. Christoph Sauer berichtet im Gentleman-Blog, was man noch heute aus den historischen Pannen zu Tisch lernen kann.

Vom Umgang mit dem tückischen Besteck

Der vielzitierte Freiherr von Knigge berichtet zum Beispiel von einem großen Festessen, an dem auch ein wohlbeleibter Benediktiner teilnahm. Diesem unterlief beim Anblick eines auf dem Tisch befindlichen Suppenschöpflöffels ein Missgeschick – glaubte er doch, „dieser größere Löffel sei, ihm zur besonderen Ehre, zu seinem Gebrauche dorthin gelegt, und um zu zeigen, daß er wohl wisse, was die Höflichkeit erfordert, bat er die Prinzessin ehrerbietig, sie möchte doch statt seiner sich des Löffels bedienen, der freilich viel zu groß war, um in ihr kleines Mäulchen zu passen.“ 

Überhaupt ist die Verwendung von Essbesteck tückischer, als man im ersten Moment annehmen könnte. Insbesondere die damit verbundenen akustischen Belästigungen bei unsachgemäßem Gebrauch trieben einen Autor späteren Semesters schier an den Rand der Verzweiflung. So schreibt Franz Albrecht in seinem um 1900 erschienen „Ratgeber für den guten Ton“: „Das Auslöffeln der Suppe soll möglichst geräuschlos vor sich gehen, vor allen Dingen ist das entsetzliche Schlürfen zu vermeiden. Will man mit der Gabel Fleisch oder andere widerstandsfähigere Speisen schneiden, so faßt man die Gabel in die hohle Hand, so daß der Zeigefinger ausgestreckt oben auf der Gabel ruht und sie dirigiert. Letzteres gibt der Haltung mehr Festigkeit, sichert vor dem ohrzerreißenden Schrillen auf dem Teller und auch vor dem Ausrutschen der Gabel, wodurch Speisestücke vom Teller fliegen und das Tafeltuch oder auch die Kleider der Nachbarn beschmutzt werden.“

Von der Unversehrtheit der Tischdekoration

Wobei wir schon beim nächsten Punkt wären – nämlich der Tischdekoration. Wilhelm Baumer ermahnt in seinem Band „Lebensschliff“ aus dem Jahr 1932 seine Zeitgenossen ausdrücklich zur Zurückhaltung bei der Be- bzw. Misshandlung der Tischdekoration: „Zerstören Sie nicht den Blumenaufbau. Sie dürfen Ihrer Dame auch keine Blume daraus schenken, denn die Blumen gehören Ihnen nicht. Auch nach dem Feste Blumen mitzunehmen, ist eine unverständliche Sitte, bei der selbst das Argument, daß die Blumen bald verwelken würden, keine Entschuldigung darstellt. Sie nehmen auch keine Knochen für Ihren Hund mit. Formen Sie aus Brot keine Kügelchen!“

Die Kunst des Tischgesprächs

Alternativ zum Modellieren von Lebensmitteln bietet sich die Konversation bei Tisch an. Wobei man sich auch hier an eine weitverbreitete Lebensweisheit halte: Es ist nicht so wichtig, was(!) man sagt, sondern dass man überhaupt etwas sagt. In diesem Zusammenhang ist von der Benimmbuchautorin Konstanze Franken folgende Anekdote in ihrem „Handbuch des guten Tones und der feinen Sitte“ (1918) überliefert: „‚Wollen wir nicht von etwas anderem sprechen?‘ fragte eine liebenswürdige Wienerin ihren Nachbar (…) mit feinem Lächeln, nachdem dieser seiner Gewohnheit gemäß während der ganzen Tafel schweigend neben ihr gesessen hatte.“

Wie man mit Missgeschicken umgeht

Zur Beruhigung sei gesagt: Auch die vornehmsten Häupter ihrer Zeit waren und sind nicht vor Irrtümern gefeit. Ruth Andreas Friedrich berichtet in ihrem Buch „So benimmt sich die junge Dame“ von einem Empfang eines nicht näher genannten europäischen Monarchen. Dieser hatte einen ausländischen Fürsten zu Gast, welcher mit den europäischen Gepflogenheiten nicht sonderlich vertraut war. Als nach dem letzten Gang den Gästen kristallene Spülschalen gereicht wurden, geriet der Gast in Verlegenheit – denn „in der Meinung, es handle sich um ein neues Getränk, faßte er die Spülschale mit beiden Händen, hob sie zum Munde und – trank. Als der Monarch den Formfehler bemerkte, ergriff er mit ruhiger Miene die eigene Spülschale und hob sie gleichfalls zum Munde. Die ganze Hofgesellschaft folgte höflich seinem Beispiel und – die Ehre der Gastfreundschaft, die es nicht dulden kann, daß ein Geladener an der Tafel seines Gastgebers blamiert wird, war gerettet.“

Bleibt nur noch zu wünschen, dass eine ähnliche Gelassenheit auch in unseren Zeiten wieder etwas häufiger Platz findet, ähnlich wie es L. Diener in seinem Buch „Knigge heute“ (1961) betont: „Aus der bloßen Nahrungsaufnahme wird ein gemeinsames geistiges Erleben.“

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Der Autor

Christoph SauerBeitrag von Christoph Sauer, Sänger, Songwriter und Wahl-Berliner mit Faible für die 20er Jahre. Ende 2014 erschien sein „Gentleman-Kalender 2015“. Der Titel seines Bühnenprogramms lautet „Der gute Ton. Überlebenshilfen von Knigge & Co“. Seine Homepage: www.christophsauer.info



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One Response to “„Formen Sie aus Brot keine Kügelchen!“ – Tischsitten heute & damals”

  1. Albrecht sagt:

    Das beispiel mit dem Monarchen finde ich wirklich sehr gut! Soo sollte Gastfreundschaft eigentlich sein jedoch findet es immer weniger Bedeutung in der heutigen Zeit. Und ein gutes Tischgespräch und wenn es nur über eine kleinigkeit ist ist wunderbar da beim Essen, alle zusammen kommen, und sich mal austauschen können. Da kann ich Familien und Freunde nicht verstehen die beim Essen stillschweigen bewahren, da fühlt man sich als Gast oft total falsch am Platze wenn man dann eigentlich was sagen möchte aber alle es gewohnt sind zu schweigen.

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