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Mai 10

Aktiver Gestalter vs. netter Ja-Sager? Vom Erhalt der Freiheit

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Muss ein Mann heute unbedingt Rasierklingen an den Ellenbogen haben? Oder können auch Gestalter „Ja“ und „Bitte“ sagen? Erfolgscoach Patrizia Becker analysiert im Gentleman-Blog den schmalen Grat zwischen Hilfsbereitschaft und Willensschwäche.

Hilfsbereitschaft: ein Ausdruck von Wertschätzung?

Hilfsbereitschaft gilt als eine der edelsten menschlichen Eigenschaften. Legenden ranken sich um den Edelmut großer Persönlichkeiten. Teilweise errangen diese auch erst durch ihre Hilfsbereitschaft Bekanntheit wie zum Beispiel St. Martin, der seinen Mantel mit dem frierenden Bettler teilte.

Gilt jemand als hilfsbereit, umgibt ihn das Flair sozialer Ehrenhaftigkeit. Es steigert sein Ansehen. Soziale Kompetenz ist heute allgemein zum entscheidenden Kriterium geworden und zwar auch für gesellschaftliche Akzeptanz. Es rundet das Image ab.

Allerdings gibt es auch eine Hilfsbereitschaft, der weder Charakterstärke noch soziale Wärme zugeschrieben wird – ganz im Gegenteil. Hier lauert sogar ein Statusverlust und im schlimmsten Fall Hohn und Spott. Gemeint ist der berühmte Sprachfehler: Ein „Nein“ will einfach nicht über die Lippen kommen.

Unsichtbare Ketten

Das erfolgreiche Ablehnen einer Bitte hängt stark davon ab, wie gut man sich selbst kennt – und sein Umfeld. Häufig werden wir von diesen Leitgedanken bestimmt:

  1. Reziprozität: Jemand hat mit viel weiser Voraussicht ein „Punktekonto“ bei Ihnen aufgebaut. (Dies geschieht durch Geschenke, Gefallen oder Hilfsleistungen.) Und jetzt können Sie fast nicht anders als der Bitte nachzukommen.
  2. Angst vor sozialer Ablehnung: Wer ist schon gerne als sozial kalt und egozentriert bekannt? Besonders für Führungskräfte ein tödliches Image….
  3. Jemand hat bei Ihnen „den richtigen Moment“ erwischt, Sie haben Druck, Ihr Gegenüber Intuition…
  4. Sie sind ein Mensch mit hohem moralischen Eigenanspruch. Sie wissen, wie es ist, in Not zu sein und Hilfe zu brauchen. Und Sie haben sich entschieden, die Veränderung zu sein, die Sie sehen wollen…
  5. Sie mögen die Person.
  6. Sie haben Meier geholfen, und wenn Sie jetzt Schulze nicht helfen, wird das wohl für Verstimmungen sorgen.
  7. Irgendwann mal haben Sie eine Brandrede für Werte gehalten. Und damit Begehrlichkeiten geweckt. Herzliches Beileid.

Wachsamkeit mit Hilfsbereitschaft zu verbinden, gilt als Beweis für charakterliche Integrität. Nur: Was ist, wenn man keine Lust hat, sich die Pistole auf die Brust setzen zu lassen, oder es im Moment gar nicht möglich ist, selbst zu helfen? Das Damokles-Schwert der sozialen Kälte und des Egoismus kann ein Image nachhaltig schädigen. Wie lehnt man also eine Bitte ab – ohne dabei das Ansehen zu verlieren?

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Erst die Rolle, dann das Handlungskonzept

Wer im Schweiße seines Angesichts körperlich arbeitet, hat einen Vorteil. Er wird nicht so oft mit der Frage konfrontiert: „Was macht der eigentlich den ganzen Tag?“ Demjenigen, der konzeptionell arbeitet, weht da ein etwas anderer Wind entgegen. Hier ist die Darstellbarkeit nach außen ein sensibler Vorgang: Leicht kann der Eindruck von Arroganz entstehen – wer will das schon?

  1. Sie waren gerade im Urlaub oder krankgeschrieben und sind deshalb der „ideale“ Adressat für eine nette kleine Zusatzaufgabe.
  2. Sie zählen einfach zu den „Privilegierten“: Haus, Auto, Beziehung, gestählter Körper und so… Das kann ausreichen, um Sie in der Pflicht zu sehen. Michael, der sein Kind dagegen nur am Wochenende zu Gesicht bekommt, wird man eher verschonen.
  3. Neu hier? Na dann. Alle helfen sich. Team Spirit – you know?
  4. Sie gehören allgemein zu den Menschen, die keine Bitte ausschlagen können.

Wie Sie am besten kommunizieren, dass Sie nur teilweise oder gar nicht helfen können, hängt also auch davon ab, welche Rolle Sie in dem ganzen Spiel haben, wie es Ihrem Gegenüber geht – und welche Reputation Sie haben.

Fahrplan für eine souveräne Absage

In drei Stufen können Sie in den meisten Situationen respektvoll kommunizieren, dass Sie nicht in der Lage sind, Hilfe zu leisten: 1. Hören Sie aufmerksam zu. 2. Bringen Sie wertschätzend Ihre Situation zum Ausdruck. 3. Bieten Sie eine Alternative an.

So setzen Sie diese Methode im Alltag um

Bleiben wir bei dem Beispiel des frisch genesenden Rückkehrers. Nach Ihrer Krankschreibung schlägt Ihnen schon im Flur das Gewitzel entgegen: „Du siehst so gesund aus – warst Du wirklich krank?“ Die Frotzeleien sind noch ganz spaßig – aber dann wird es ernst: „Wir haben in drei Tagen Projektabschluss. Und sind alle komplett ausgelastet. Kannst Du die Aufstellung für den Kunden XY übernehmen?“

Natürlich ist Ihnen klar, dass diese Auslastung auch durch ihre Fehlzeit kommt – das wird nicht explizit zum Ausdruck gebracht – schwingt aber mit. Allerdings sind Sie ebenso ausgelastet. Außerdem sehen Sie nicht ein, das konstant schlechte Selbst-Management eines Teils Ihrer Kollegen auszubaden. Ihre Antwort lautet also NEIN. Sie können – und Sie wollen auch nicht. So könnte Ihre Antwort aussehen:

„Kathrin, den Druck sehe ich natürlich. Jetzt ist es so, dass aufgrund meiner Krankheit Dinge liegen geblieben sind, die ich nachholen muss – wo ich auch teilweise auf andere angewiesen bin. Die Termine sind gefixt, da geht nichts mehr. (Punkt. Feste Stimme.)
Anfang nächster Woche komme ich ganz früh rein – da kann ich gerne an den Aufstellungen arbeiten. Wichtig: „An den Aufstellungen arbeiten ist etwas anderes als „ich mache die Aufstellungen gerne“. Sie signalisieren und leben auch Hilfsbereitschaft – entlasten Ihr Umfeld aber nicht total vom selbsterzeugten Druck.

Wenn schlechtes Selbstmanagement bei Ihnen „Quell steter Freuden“ ist und es ständig zu diesen Situationen kommt, ist es auch absolut legitim, das irgendwann mal anzusprechen. Oft zahlt es sich aus, das hinterher in einem ruhigeren Moment zu tun, nachdem Sie Unterstützung geleistet haben.

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„Du fährst doch in diese Richtung, dann kannst du mich doch wieder mitnehmen – oder?“

Ihr Kumpel, ein wundervoller Mensch vom Stamme „Nimm“, macht sich mitunter das Leben etwas einfach. Und Ihnen etwas schwer. Natürlich ist das, was er so an Wegstrecke von Ihnen verlangt nur ein Katzensprung – aber einer, der Sie nervt. Und das Prinzip „Man wird ja wohl mal dürfen, wenn man fragt“ finden Sie jetzt auch nicht so prickelnd. Sie können ihn mitnehmen, wollen aber nicht. Ziehen Sie sich warm an, denn hier müssen Sie den Äquator zwischen Freundschaft und dem Hang zur Bequemlichkeit neu ziehen:

„Andreas, das siehst Du ganz richtig. Nur ganz offen: Ich habe das jetzt ein paar Mal gemacht und es fängt an, anstrengend zu werden. Ich plane meinen Tag im Halbstunden-Takt, um durchzukommen und muss mir meine freie Zeit echt aus den Rippen schneiden. Ich würde die lieber sinnvoller mit Dir zusammen nutzen und irgendwo in Ruhe ein Bier trinken gehen anstatt da immer im Stau zu stehen. Meinst Du nicht, Du bist mit dem Fahrrad genauso schnell da? Wenn’s dann mal wirklich richtig regnet, nehme ich Dich gerne wieder mit.“

Hier geht es um die sozial verträgliche De-Installation eines kleinen Ausnutzungsprozesses. Wenn jemand sich raffiniert konstante Vorteile ausrechnet, sollten Sie das Ganze schon im Geiste der Freundschaft konfrontieren. Wichtig ist dann der ruhige Ton, die unaufgeregte innere Festigkeit.

So sabotieren Sie Ihre eigenen Aussagen:

Nicht nur Ihre Reaktion, sondern auch Ihr Auftritt bestimmt, wie glaubwürdig Ihr Reden ist. Einige scheinbar harmlose Angewohnheiten arbeiten gegen Sie:

  1. Sie halten öfters mal einen Plausch am Telefon, in der Kaffeeküche oder auf dem Flur.
  2. Sie bringen während der Arbeitszeit Ihre Steuererklärung weg.
  3. Auf Ihrem Schreibtisch steht eine Karte mit der Aufschrift „Nimm Dir Zeit – und nicht das Leben“.
  4. Sie trudeln irgendwann so um 10 Uhr im Büro ein.
  5. Sie sind konstant in den sozialen Netzwerken präsent – abseits der Arbeitsthematik.

Fazit: Als Gentleman werden Sie immer auch in der Rolle des Gestalters wahrgenommen. Erst die Balance zwischen Freiheit und verantwortlichem Handeln verleiht Ihnen personale Autorität.

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Über die Autorin

UnbenanntPatrizia Becker von Erfolg mit Stil berät Unternehmen und Entscheider mit psychologischem Fingerspitzengefühl in Sachen Auftritt und Kundengewinnung. Ihre Passion: Die Optimierung erfolgskritischer Abläufe und strategischer Hotspots. Im Gentleman-Blog schreibt sie über Motivation, Selbstverwirklichung und Krisenmanagement.



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2 Responses to “Aktiver Gestalter vs. netter Ja-Sager? Vom Erhalt der Freiheit”

  1. Karl-Heiz sagt:

    Danke für ihren klugen Beiträge, Frau Becker. Ich bin ein Fan Ihrer Artikel im Gentleman-Blog.

  2. Vielen Dank Karl-Heiz! Das freut mich sehr.

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