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Aug 12

Die Säulen eines Sommer-Cocktails

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Was den Amerikanern ihr „Barbie wine“ ist, also ein zum Gegrillten passender Wein, stellt für viele Europäer der Sommer-Cocktail dar: Bunt, gerne mit Minze und vielleicht sogar einem Schirmchen als ironische Retro-Andeutung sorgt er für Urlaubsfeeling auch noch auf „Balkonien“. Gastautor Roland Graf vom Trinkprotokoll erklärt im Gentleman-Blog, was einen Longdrink zum Sommerhit macht – und serviert sommertaugliche Rezepte von Wimbledon bis Venedig.

Lässt man das kühle Blonde aus der Eis-Wanne – und den Chablis – einmal beiseite, haben wir ein paar einfache Grundsätze, wenn es um alkoholische Sommer-Getränke geht. Der Zusatz „Sommer-“ besagt bei Mixgetränken meist zweierlei: Weniger Alkohol und die Verwendung einer größeren Menge an Sodawasser. Bei einem österreichischen Klassiker, dem „Sommer-Spritzer“, kann man das exemplarisch verfolgen. Hier verändert sich das kanonische Mischverhältnis von 1:1 bei der Weißwein-Schorle dann zugunsten des Selters. Denn auch bei den Cocktails zählt bei der Hitze die Leichtigkeit.

Was nur allzu gerne unterschätzt wird, ist der durchschnittliche Alkoholgehalt eines Cocktails: Zwar wird die meist 40- bis 42%-ige Basisspirituose durch die Zutaten „gestreckt“, da in klassischen Drinks oft genug Liköre oder aromatisierte Weine (Wermut etwa) im Spiel sind, hat das Getränk am Ende doch wieder zwischen 20 und 25 Volumenprozent. Doppelt so stark wie ein Weinchen also. Die Kunst eines sommerlichen Mixgetränks liegt nun darin, nicht alkoholisch zu wirken, aber eben auch nicht wässrig zu schmecken. Für den Sommer gibt es zwei Varianten, um an dieser promille-trächtigen Schraube zu drehen. Die eine kennt man unter einem Namen, den schon Bartender Jerry Thomas, der immer noch als „The Professor“ verehrt wird, 1876 in seinem Barbuch verwendete: Fizz.

Holunder à la française: Le Fizz

Definiert als „Vierteiler“ aus Spirituose, Zucker, Säure und Soda, lässt sich aus praktisch allem ein Fizz mixen. Nicht nur mit Gin, auch mit Likören, funktioniert das Basisrezept, dann ist der Zucker bereits mit integriert. Die französische Wodka-Marke Grey Goose etwa kombiniert für ihren zweiten Standard-Drink (neben dem definitiv nicht sommertauglichen „Wodka Martini“) 3,5 cl der Spirituose mit 2,5 cl Holunderbüten-Likör. Dazu kommt noch Limetten-Saft (2 cl) und füllt das Ganze mit 7,5 cl auf. Im „Le Fizz“ spielen dann die Süße der Blüten und die Säure der Zitrusfrucht vor den eher neutral schmeckenden restlichen Zutaten die Hauptrolle in einem Yacht-tauglichen Drink.

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Persönlich empfehle ich einen ebenfalls französisch inspirierten Fizz mit dem Orangenlikör Cointreau oder – auch der frischen grünen Farbe willen – dem japanischen Melonenlikör Midori. Wer es mondäner liebt, sei noch auf ein Rezeptdetail hingewiesen: Wie bei allen Rezepten lässt sich für eine edle, aber auch alkoholischere Variante das Sodawasser durch Schaumwein ersetzen – für die Variante „Royal“ empfiehlt sich Champagner.

Italienische Lehre: Leicht und herb

Die Verwendung von Likören bringt uns gleich zur zweiten Art, Cocktails sommertauglich zu machen. Denn statt hochprozentiger Spirituosen tut es oft auch eine 20%-ige Basis. Gelehrt haben uns das die Italiener. Deren „Fizz“ heißt eben Spritz und basiert zum Beispiel auf dem bittersüßen Rhabarberlikör Aperol. Interessanter Weise hat Kochhistoriker Alessandro Marzo Magno das erste gedruckte Rezept eines „Aperitivo Spritz“ ausgegraben. Donna Salvatori de Zuliani kombinierte dafür 1979 einen trockenen Weißwein (15 Zentiliter) und „irgendeinen Bitter“ (davon 5 cl) im Weinglas – wie es im Kochbuch der Venezianerin heißt. Jene Zutat, die deutschsprachigen Spritz-Trinkern die Frische suggeriert, nämlich das Soda, kam hier nicht vor.

Wohl aber dürfte eine Komponente verwendet worden sein, die man heute vor allem bei Aristokraten der Lagune sieht, wenn sie „un Spritz“ ordern. Der bereits erwähnte Alessandro Marzo Magno („Il genio del gusto“) nimmt nämlich an, dass der Bitter des Rezepts der Artischocken-Likör Cynar gewesen sein dürfte. Eine gute, weil sommerliche Wahl – leichter im Alkohol und mit bitterem Grundcharakter eignet er sich vorzüglich zum Mixen. Und lässt den Gentleman kenntnisreich den Hugo- und Aperol Spritz-Trinkern zuprosten.

Die britische Variante: Pimm’s Cup

Aber auch der zu Tausenden in Wimbledon gereichte Pimm’s Cup basiert auf einem herben, nämlich aus Gin hergestellten Likör, der mit Ginger Ale, viel Obst und der unverzichtbaren Gurke eine Art Instant-Bowle ergibt.

Das Rezept stellt gleichzeitig auch die Formel vieler Sommerdrinks dar – ein Teil Alkohol wird mit drei Teilen des so genannten „Fillers“ vermischt. Das kann in den meisten Fällen Sodawasser sein. Beim britischen Pimm`s, der sogar die EXPO-Präsenz des Landes in Mailand als Art offizielles Getränk begleitete, wird entweder Zitronenlimonade verwendet, meist aber ist es Ginger Ale, das den Likör streckt. Säure liefert die Zitronenscheibe, die britische Mischung Erdbeere und Gurke gehört neben der Minze ebenfalls fast immer dazu. Dieser Drink hat neben seiner leichten Herstellung auch einen weiteren Vorteil – er lässt sich in großen Mengen zubereiten. Ein Pitcher voll steht auf vielen englischen Gartentischen oder neben den Terrassensesseln, wenn Gäste kommen. Und wer weiß, demnächst vielleicht auch in Deutschland?

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Der Autor

Der österreichische Genuss- und Reisejournalist Roland Graf ist seit vielen Jahren im Auftrag der Feinkost unterwegs und schreibt darüber in seinem Blog Trinkprotokoll – seit 2013 auch im Gentleman-Blog.



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One Response to “Die Säulen eines Sommer-Cocktails”

  1. Chris sagt:

    Schön geschrieben, liebe Grüße ;)

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