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Mai 13

iGentleman – Der Style Guide als iPhone-App für den Gentleman

Auch ein Gentleman verschließt sich nicht der Moderne. Das beweist Bernhard Roetzel, Autor des weltbekannten Buches „Der Gentleman – Handbuch der klassischen Herrenmode“. Auf Grundlage dieses Buches plus sehr vieler neuer Inhalte hat der „Stil-Papst“ nun eine neue iPhone-Applikation, auf den Markt gebracht, die iGentleman, Diese soll Männern beim Erwerb von Anzügen, Hemden, Herrenschuhe etc. ein kompetenter Ratgeber sein. Hintergrund ist der, dass viele Männer tage- und wochenlang über den Kauf von Unterhaltungselektronik oder Autozubehör brüten, Preisvergleiche anstellen, Testberichte lesen und Vor- und Nachteile der einzelnen Produkte abwägen. Doch über den Kauf hochwertiger Kleidung, die bisweilen ähnlich Preiskategorie erreicht, ist den Herren der Schöpfung die Recherche und Auseinandersetzung damit oftmals sehr fremd. Somit laufen sie nicht nur Gefahr bei der Wahl ihrer Garderobe stilistische Fehler zu begehen, sondern auch zu hohe Preise zu bezahlen. Die iGentleman schafft praktische Abhilfe.

Inhaltlich gliedert sich die Gentleman-App dabei in fünf Menüpunkte: Business-Garderobe, Festliche Garderobe, Casual Garderobe, Schuhe und ein Marken-ABC samt Glossar von A wie Anzug bis Z wie Zylinder.

Hoher Praxisbezug dank multimedialer Inhalte

“Man sieht nur, was man weiß”, lautet eines der Lieblingszitate von Autor Bernhard Roetzel. Dem lässt sich nicht widersprechen. Mit der iGentleman-App möchte er Kompetenz und Know-How vermitteln und stellt dabei einen direkten Praxisbezug her. Dazu liefert die App Antworten auf nahezu alle Fragen rund um die Herrenmode wie z.B. Wie kombiniere ich Hemd, Krawatte und Anzug? Worauf sollte man beim Schuhkauf achten? Wer oder was verbirgt sich hinter Markennamen und Labels? Was genau sind “rahmengenähte Schuhe“, und was bedeutet “Super 100’s” oder “unverklebte Einlage”? Welche Garderobe trage ich im Büro und was bei einer Hochzeit? Dank dieser App ist das Wohl oder Wehe des Einkaufes somit nicht mehr allein von der Kompetenz des jeweiligen Verkäufers abhängig.

Auch die multimediale Darstellung vereinfacht das Verständnis zu den einzelnen Punkten ungemein, denn ein Bild (bzw. ein Film) sagt bekanntlich oft mehr als 1000 Worte. Beispielsweise lässt sich das Binden eines Krawattenknotens mit einer filmischen Anleitung deutlich anschaulicher darlegen als mittels einer verbalen Beschreibung. Weiteres Feature: Der Adressen-Guide. Per GPS kann man sich die nächsten Bezugsquellen des gewünschten Produktes inklusive der dazugehörigen Route dorthin anzeigen lassen. So lassen sich zeitraubende und teils frustrierende Besuche von Geschäften vermeiden, in denen es das gesuchte Kleidungsstück gar nicht gibt.

Das Design ist einer Gentleman-App würdig

In Sachen Funktionalität zeichnet sich die iGentleman durch eine hohe Usability aus. Die Menüführung ist intuitiv zu bedienen, selbst ohne ein iPhone-Profi zu sein. Auch das Design der App ist sehr stilvoll und ansprechend umgesetzt. Der Style Guide hält in dem Punkt also das, was man auch von ihm erwarten durfte. Seit Mai dieses Jahres ist „iGentleman – The Style Guide“ für 4,99 Euro im Apple-Store erhältlich.

Lesen Sie auch: Stil-Papst Bernhard Roetzel im Interview über Kleidung und Persönlichkeit eines Gentleman.

Okt 17

Der Gentleman ist tot. Lang lebe der Gentleman!

Buchrezension: Der Gentleman

Der Gentleman sei ausgestorben, tönt es immer wieder in den heutigen, hektischen Tagen. Das Gegenteil sei der Fall, behauptet jedoch der Journalist Martin Scherer. Denn der Gentleman sei ein zeitloses Ideal, dass weder Stammbaum noch Wohlstand benötige. Es handle sich um eine Haltung gegenüber der persönlichen Umwelt, ja um eine Geisteshaltung zum Leben allgemein: „Hinter dem Gentleman verbirgt sich – ausdrücklich oder nicht – eine bestimmte Lebenskunst, eine Form der Lebensführung, in der sich in besonderer Weise Reflexion und Erfahrung, stolze Einsamkeit und soziale Kultur verdichten.“

Tugend, Pflicht und Lebenskunst

Was im antiken Griechenland der Philosoph war, im Mittelalter der Ritter und später der Edelmann, gilt uns heute eben als Gentleman. Zu deutsch ist es etwas altmodisch der Ehrenmann, während das englische gentle liebenswürdig und gütig bedeutet. Der Gentleman ist kultiviert, höflich, stilvoll, bescheiden, großzügig, ehrlich und hat auch sonst all das verwirklicht, was man einst Tugenden nannte. Gutes Benehmen ist für ihn ebenso zur zweiten Haut geworden, wie gute Kleidung. Er übertreibt und prahlt dabei nicht, Angemessenheit ist seine Devise. Nichts dient der Show, nur was wirklich authentisch ist und nicht nur so scheint, ist wirklich gentlemanlike.

Martin Scherer schreibt dem Gentleman dabei eine stoische Ruhe zu, die mit einer pessimistischen, zumindest nihilistischen Weltsicht einhergeht. Zwar hätte der Gentleman es sich zur Aufgabe gemacht, den Alltag mit all seinen Kleinigkeiten und scheinbaren Belanglosigkeiten als Fest zu zelebrieren. Er ließe sich aber durch eine gewisse Distanziertheit von den Dingen nicht aus der Ruhe bringen, geschweige denn vom Strom der Gefühle übermannen. Hier stößt der Autor an die Gratwanderung des wirklichen Gentlemans, zwischen selbst auferlegter Pflicht und ausgelebtem Ehrgefühl. Gentleman zu sein, sei eine Lebenskunst, stellt Martin Scherer sehr zutreffend fest.

Der Gentleman als Vorbild für alle?

Während die französische Bezeichnung gentilhomme dem Adel vorbehalten bleibt, hat der „englische Gentleman […] als Vorbild den Übergang von einer aristokratischen zu einer demokratischen Gesellschaft mitvollzogen. Er wurde zum kollektiven Diskurs.“ Der Gentleman sei so ein „klassenloses Ideal“ geworden, das auch in einfachen Gesellschaftsschichten vorkomme. „Er ist Spiegel einer Sehnsucht nach Wohlgeratenheit, nach der Humanitas des Menschen.“ So selten der Gentleman in vollkommener Ausprägung also vorkommt, so steht es jedoch heutzutage jedem offen, sich dieses Image zu verdienen.

Der Autor unterschlägt dabei aber, dass der Gentleman wohl nur in der konservativen bis liberalen Gedankenwelt vorkommt. In der linken hingegen dürfte er als überkommenes Modell der Wohlstandsgesellschaft mit überflüssigen Riten gelten. Einen Punk, der einer Dame die Tür aufhält, ohne ihr Kleingeld im Sinne zu haben, kann man sich auch nur schwerlich vorstellen. Geschweige denn einen Globalisierungsgegner im Anzug, der sich vom Tisch erhebt, wenn eine der anwesenden Frauen aufsteht oder der bei gutem Wein und einer gepflegten Zigarre über Proust philosophiert.

Wissen und Bildung scheint für Martin Scherer überhaupt keine Voraussetzung zum Gentleman-Sein zu sein, auch wenn er seine eigene Belesenheit manchmal etwas aufdringlich klarstellt. Es benötigt also nicht den Mann von Welt, wie es z. B. Winston S. Churchill war, den viele als den letzten wirklichen Gentleman bezeichnen. Stattdessen liegt das ehrbare Verhalten schon in der kleinen Handlung, deren ernst gemeinte Motivation den einen oder anderen Fauxpas entschuldigen ließe.

Bewusst kein Ratgeber

Das Buch grenzt sich gezielt von den zahllosen Ratgebern zu Stil und Persönlichkeit ab und dient selbst auch nicht als ein solcher. Die Lektüre des kleinen Essays macht den Leser auch keineswegs mittels des vermittelten Wissens zum Gentleman. Sie kann aber als Inspiration dienen, mit der Arbeit an sich selbst anzufangen bzw. fortzufahren.

Dadurch wird das Buch ebenso zeitlos wie der Gentleman-Begriff selbst. Denn Hemdkragen, Krawatten und Schuh-Moden mögen sich ändern, das Understatement jedoch nicht. Deswegen kann man auch über die etwas profane Taschenbuch-Aufmachung hinwegsehen. Vielleicht wurde aber auch explizit auf edlen Leineneinband und Lesebändchen verzichtet, damit die inneren Werte alleine überzeugen können.

Der Gentleman als Ideal

Der Gentleman bleibt schließlich ein Ideal, dem wir alle nachstreben können. Paradoxerweise können wir selbst nie sagen, es erreicht zu haben, denn das widerspräche der angemessenen Bescheidenheit des Gentleman. Das Urteil, ob jemand ein Gentleman ist oder ob er wie einer handelt, können also nur andere fällen. „Meist markiert das Prädikat Gentleman eine Außenansicht, eine Hülle, in der Konvention, Manieren und guter Geschmack zusammenkommen. Es versorgt eine nach Gediegenem hungrige Ästhetik mit Assoziationen an eine Welt verbindlicher Codices. Im vagen Bild des geschliffenen Edelmannes artikulieren sich Nostalgie, Sehnsucht und Projektion gleichermaßen.“ Als Gentleman bezeichnet zu werden, ist und bleibt also eine Auszeichnung, eine Art Qualitätssiegel. Und daran wird sich wohl auch so schnell nichts ändern.

Martin Scherer: Der Gentleman. Plädoyer für eine Lebenskunst, München 2007, 8,90 Euro

Gastbeitrag BuchtestDiese Rezension wurde von Felix Struening, Chefredakteur von BuchTest, verfasst. Der Buchkritiker stellt uns hier regelmäßig Bücher vor.