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Nov 20

Anleitung für Anfänger

Tipps für die Weinverkostung

Weinverkostung ist nicht nur Genuss

Wer Wein und all seinen Facetten detaillierter kennenlernen möchte, der stellt sich irgendwann unweigerlich die Frage, ob es einen richtigen Weg gibt, Wein zu verkosten. Daher gibt der Gentleman-Blog einige Tipps für die nächste Weinverkostung.

Bewusster Genuss

Der Genuss steht im alltäglichen Leben zumeist im Vordergrund. Im Restaurant oder bei einem gemütlichen Zusammensein mit Freunden sind die folgenden beschrieben Schritte oftmals unerwünscht und irritieren all jene, die mit am Tisch sitzen. Denn bei einer richtigen Weinverkostung konzentriert man sich zu sehr auf den Wein und weniger auf den Moment und seine Begleiter. Alles zu seiner gegebenen Zeit.

Eine Weinverkostung ist ein bewusstes Wahrnehmen. Der Verkoster stellt sich explizit die Fragen, wonach der Wein im Glas duftet, welche Geschmacksnuancen er aufweist und wie er sich am Gaumen anfühlt. Tatsächlich trinken muss man den Wein dabei übrigens nicht, gerade bei professionellen Verkostungen mit mehreren Durchgängen könnte dies aufgrund des Alkoholgehalts sogar kontraproduktiv sein. Für die private Runde dürfte es jedoch recht schwerfallen, die schönen, edlen Tropfen zu vergeuden, zumal in den seltensten Fällen ein Spitoon (Spucknapf) zur Hand ist. Alles andere wäre schlichtweg unappetitlich.

Wann sollte man eine Weinverkostung abhalten?

Damit die Nase und die Geschmacksknospen auf der Zunge möglichst ungestört die Aromen und Noten des Weins wahrnehmen können, empfiehlt es sich, eine Weinverkostung auf nüchternen Magen durchzuführen. Mit anderen Worten, wer das Beste aus der Verkostung herausholen möchte, sollte vor dem Frühstück zum Weinglas greifen oder das Frühstück ausfallen lassen. Allerdings kann ein allzu hungriger Magen auch Schwierigkeiten bereiten, daher sollte man nicht den ganzen Tag hungern, wenn die Verkostung erst am Nachmittag oder am Abend stattfindet. Keine gute Idee sind kräftige Nahrungsmittel wie Kaffee, schwarzer Tee, Schokolade sowie gesüßtes, stark gesalzenes oder saures Essen. Diese blockieren die Geschmackssinne und machen es so schwer, den Wein fair zu beurteilen.

Das Prozedere bei der Weinverkostung

In der Antike galten übrigens noch ganz andere, heute eher amüsant anmutende Empfehlungen. Der Gelehrte Florentinus schrieb im frühen 3. Jahrhundert zum Beispiel, man solle Wein nur dann verkosten, wenn der Wind aus dem Süden kommt, da er nur dann seine natürlichen Aromen zeige.

Wie läuft die Verkostung eines Weines ab? Man verkostet der Sinne nach. Zuerst sieht das Auge den Wein, danach kommt der Geruch über die Nase und zu guter Letzt bestimmen Zunge und Gaumen die Noten und das Mundgefühl des Tropfens. Dem Geruchsinn kommt dabei die wichtigste Aufgabe zuteil, dazu gleich mehr.

Das Auge verkostet mit

Spannenderweise gilt der erste und für viele Menschen wichtigste Sinn im alltäglichen Leben als der umstrittenste bei einer Weinverkostung. Gerade bei der Farbe können Weinmacher den Wein durch die Zugabe von Farbstoffen leicht verändern und so Eindrücke und Erwartungen suggerieren, die sich später nicht bewahrheiten. Aufgrund des sogenannten Primings könnte der Genießer so auf eine Erwartungshaltung hin geeicht werden. Einige Winzer setzen darauf, dass dieser Farbeindruck von den Konsumenten dann auch in der Nase und am Gaumen bestätigt wird, obwohl dies tatsächlich bei einer objektiveren Betrachtung nicht der Fall ist. Dies führte dazu, dass viele professionelle Verkostungen in einer Blindverkostung stattfinden, bei denen sowohl der Hersteller als auch die Farbe unbekannt bleibt.

Trotz allem scheint der erste, sehende Eindruck enorm wichtig zu sein. Es kommt bei einer Blindverkostung nämlich nicht selten vor, dass selbst Kenner einen Rotwein als Weißwein schmecken und andersherum. Aus diesem Grund ist es in der Regel besser, das Auge mit verkosten zu lassen. Nicht umsonst heißt es so schön: Das Auge isst mit.

Was man an der Farbe erkennen kann

Doch was sieht man nun im Weinglas? Ist ein nahezu opaker Rotwein immer auch ein guter Rotwein? Gute, junge Rotweine besitzen zumeist einen schimmernden Glanz, bei dem der Rand oftmals glänzende, violette bis purpurne Reflexionen aufweist. Erst mit zunehmendem Alter verschwinden diese Ränder, und es stellt sich ein durchgehendes Dunkelrot für schwere Weine und Hellrot für leichte, zugängliche Rotweine ein. In der Regel nähert der Wein sich jetzt seinem Zenit. Reift der Tropfen weiter, zeichnen sich langsam bräunliche Spiegelungen ab. Dieser gereifte Wein hat seinen Höhepunkt erreicht: Trinken Sie ihn! Mit zunehmender Lagerung werden diese nur in den seltensten Fällen noch besser. Wie lange der Liebhaber eine solche Flasche noch weiter aufheben kann, hängt stark von der Qualität ab. Herausragende Produkte lassen sich noch viele weitere Jahre lagern, bei Alltagsweinen (alle unter 10 €) sollten Sie sich mit dem Genuss beeilen, denn in den nächsten Monaten lässt der Wein merklich nach.

Bei Weißweinen verrät die Farbe meist etwas mehr über den Geschmack als bei einem Rotwein. Klare, glänzende Weine mit grünen Schattierungen weisen zumeist frische, fruchtige Aromen auf, die durchaus mit grasigen Noten oder Paprika, Spargel sowie floralen Eindrücken gemixt sein können. Ein mattes, kräftiges Gelb oder sogar Gold lässt einen vollmundigen, cremigen Weißwein vermuten, den die Winzer mitunter in Eichenbarriques ausbauten.

Bouquet maßgebend für den Gesamteindruck

Laut einer Studie von Richard Axel und Linda B. Buck nehmen wir alles, was wir als Aromen und Geschmacksnoten kennen, über die Nase wahr, genauer über den sogenannten „olfactory bulb“. Insgesamt können wir Menschen dabei etwa 10.000 verschiedene Düfte unterscheiden. Zum Vergleich: Die Zunge schafft nur vier Geschmacksrichtungen, plus das neu entdeckte Umami.

Selbst wenn die Nahrung bereits im Mund ist, „schmecken“ wir weiterhin über die Nase, da die wichtigen Rezeptoren mit dem Gaumen verbunden sind. Das Bouquet bestimmt daher bei einer Weinverkostung zu einem großen Teil den Gesamteindruck. Aus diesem Grund sollte dem Duft des Weins die größte Aufmerksamkeit zuteil kommen. Lassen Sie sich Zeit und nehmen sie mehrfach Anlauf. Zumeist hebt der Verkoster das Glas nah an die Nase, oftmals sieht man sie sogar, wie die Nase tief in das Glas „hineinschaut“. So kann die Nase ungestört die ganze Vielfalt der olfaktorischen Sinneseindrücke wahrnehmen. Nach den ersten ein bis zwei Versuchen empfiehlt es sich, den Wein im Glas zu schwenken und ihn ein wenig zu erwärmen, zum Beispiel dadurch, dass Sie die Hände um das Weinglas legen. Durch den erhöhten Sauerstoffkontakt und Temperatur öffnet sich mancher vorher noch recht verschlossene Tropfen und gibt sein volles Bouquet preis.

Anschließend geht es darum, sich den ganzen Eindrücken hinzugeben und zu versuchen, einzelne Elemente herauszufiltern. Gerade Anfängern fällt es schwer, genau zu bestimmen, was sie da vor der Nase haben. Es ist aber auch gar nicht notwendig, dass jeder gleich zu Beschreibungen wie „karamellisierte Orangenschale, die mit Waldhonig von wilden Bienen in einer lauen Sommernacht bestrichen wurde“ kommt. Einfache Unterscheidungen reichen vollkommen aus, etwa ob es sich eher um grüne Früchte (Stachelbeere, junge Äpfel, Kiwi) oder gelbe Früchte (Pfirsich, Ananas, Orangen) handelt. Von dort aus arbeitet man sich immer weiter vor. Sind die Äpfel frisch, oder doch mehr gereift, ist der Pfirsich saftig, oder trocken? Um die Nase zu trainieren, greifen viele Profis zu Aromenproben bzw. konzentrierten Duftnoten in kleinen Gläsern. Zum Training eignen sich auch prägnante Rebsorten. Gewürztraminer zum Beispiel duftet in den meisten Fällen nach Litschi und Rosenblättern, das erkennen auch Ungeübte rasch wieder.

Geschmack und Mundgefühl

Gaumen und Zunge bestätigen oftmals die ersten Eindrücke aus der Nase. Großen Weine gelingt es an dieser Stelle, durch weitere Noten zu überraschen und somit eine höhere Komplexität aufzuweisen. Wesentlich ist jedoch das Mundgefühl, welches Fragen nach den Tanninen und der Stärke der Säure beantwortet. Zieht sich der Mund zusammen, ist dies ein klares Indiz für einen säurebetonten, spritzigen Wein. Die Tannine von Rotweinen sorgen für eine bittere Adstringenz und verleihen Kraft. Bei guten Tropfen klappt das perfekt, unausgewogene übertreiben es damit oder müssen einfach noch eine Weile im Weinkeller nachreifen, um eine bessere Harmonie herausbilden zu können.

Nehmen Sie einen guten Schluck aus dem Glas und saugen Sie dabei viel Luft mit in den Mund, denn der Sauerstoff hilft beim Geschmack. Es entsteht das bekannte Schlürfen, welches in einer Weinverkostung unabdingbar ist, wenn man den Wein als Ganzes verstehen will. Ein weiteres Kriterium ist der Abgang bzw. Nachklang. Wer den Wein lange am Gaumen schmeckt oder am Mund spürt, der hatte das Glück, einen guten Tropfen verkosten zu dürfen. Kurz angebundene Weine sind eher für den schnellen Genuss gemacht.

Der Weg ist das Ziel

Der Weg zum Weinkenner ist lang, aber auch schön. Für Genießer ist ohnehin der Weg das Ziel.

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Der Autor

Daniel Vllbrandt kannte sich schon mit stilvollen Genuss aus, bevor er lange Jahre bei dem Wein-Anbieter CAPREO tätig war. Dort wurde Wein zu seinem Steckenpferd. Die Leser des Gentleman-Blogs lässt er in einen Beiträgen an seinem großen Wein-Wissen teilhaben.



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